Schluss mit der Heuchelei

Ich habe es mir jetzt einige Zeit angeschaut, wie die tragische Geschichte von Tugce aus Offenbach aufgearbeitet wurde – medial und in der Gesellschaft. Während sich die Kollegen der verschiedenen Medien tatsächlich dezent zurückhielten, sich auf klassische Nachrichtenberichterstattung konzentrierten, treiben mir die sicher gut gemeinten Aktionen der Gesellschaft die Zornesröte ins Gesicht. Ich rede hier nicht von Freunden und Familie der Studentin, die um einen geliebten Menschen trauern, den sie verloren haben, nie mehr wiedersehen werden Es geht mir um die Trittbrettfahrer, die 2000 Menschen, die hinter einem Plakat mit der Aufschrift „Heute sind wir alle Tugce“ gelaufen sind. „Heute“, „wir alle“. Herzlichen Glückwunsch. Wären in besagter Nacht nur ein bis zwei Menschen mehr wie Tugce gewesen, wäre sie möglicherweise noch am Leben.

Ich möchte die Anteilnahme nicht grundsätzlich in ein schlechtes Licht rücken. Es ist ein gutes Zeichen, dass aus ganz Deutschland Stimmen kommen, die Tugce als „mutige Frau“ und als „Vorbild“ bezeichnen. Das ist sie zweifellos. Nur schwingt immer eine fiese Note mit. Wo waren die Unterstützer, als Tugce Hilfe brauchte, als ihr aufgelauert wurde?

Und nun soll Tugce posthum einen Orden verliehen bekommen. Dafür wurde auf change.org eine Petition gestartet. Keine Frage: Den hat sie verdient, auch wenn es sie nicht ins Leben zurückholt und den Schmerz von Familie und Freunden nicht lindern wird. Es wäre wieder nur ein Zeichen für Zivilcourage. Die Zivilcourage, die sie an den Tag legte, die Zivilcourage, die von jedem erwartet wird, die Zivilcourage, die niemand leistete, als Tugce sie selbst gebraucht hätte. Diese Petition so ehrenwert sie auch sein mag, zeigt leider wieder nur das grundsätzliche Problem der Gesellschaft: Alleine vor dem Computer sind wir alle mutig, da sind wir alle Tugce. 150.738 Menschen haben diese Petition bereits unterzeichnet, 2000 versammelten sich in Offenbach und niemand half Tugce auf dem Parkplatz. Das ist traurig, das ist pervers. Wenn alle Tugce sein wollen, sollten sie erstmal darüber nachdenken, ob auch sie in einer solchen Situation so mutig gewesen wären – und falls nicht, sich wirklich ein Beispiel an ihr nehmen. Ansonsten war sie nur ein weiteres Opfer von Gewalt und einer heuchlerischen, schnell vergessenden Wegschau-Gesellschaft.

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