90 Minuten bei Pegida

Die Bärgida-Kundgebung am 12. Januar vor dem Brandenburger Tor.     Foto: dma

Die Bärgida-Kundgebung am 12. Januar vor dem Brandenburger Tor. Foto: dma

Es war gruselig, ich musste es erst ein paar Tage verarbeiten: Dank meines Presseausweises gelangte ich am Montagabend an den Polizeisperren vorbei zur Pegida-Kundgebung auf den Pariser Platz und wäre am liebsten gleich wieder umgedreht. Da wehen Deutsche Fahnen, der ein oder andere Thor Steinar Pullover wird durch mein Blickfeld getragen, Sebastian Schmidtke ist vor Ort – aber auch Menschen, die man auf den ersten Blick nicht bei einer solchen Veranstaltung erwartet.

Sie stehen herum, warten in der Kälte, laufen umher und schauen jeden, der etwas abseits steht eindringlich an, kommen ihnen fast etwas zu nahe – auch mir. Ich versuche meine Angst zu verstecken, mich durch die große Polizeipräsenz sicher zu fühlen.

Einer kommt auf mich zu. „Was schüttelst du den Kopf?“ „Ich finde es ein bisschen gruselig.“ „Was findest du gruselig? Liebst du Deutschland nicht?“ Damit ist das Gespräch für mich beendet. Ich liebe Deutschland nicht. Ich liebe auch kein anderes Land. Ich liebe Menschen, vielleicht auch Landschaften, niedliche Ecken. Aber ein Land? Wozu?
Ein älterer Herr steuert mich an. „Sie gehören nicht hier her, oder?“ Ich schüttel den Kopf. „Sieht man. Aber wenn Sie für Medien da sind, bleiben Sie neutral.“ Ich runzle die Stirn, er winkt ab, im Hintergrund erhallt der Sprechchor: „Lügenpresse, Lügenpresse!“

Ein Redner steht am Pult, fordert Meinungsfreiheit ein, hetzt gegen die Presse. Im Publikum werden Plakate hochgehalten. „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ steht auf einem. Währenddessen wird ein anderes gerade heruntergerissen, zerbrochen. „Dönerverbot“ steht darauf. „Bratwurstrettungspaket“ auf der anderen. Ich bin mir sicher, der hat sich eingeschmuggelt, auch er stand immer etwas abseits. Wie war das gleich mit der Meinugsfreiheit – und vor allem der der Andersdenkenden? Ich schaue auf den Boden.

Der Mob von etwa 400 Menschen singt „Die Gedanken sind frei“, ein Glück, denke ich bei mir, dann setzt er sich in Bewegung. Sie kommen nicht weit, müssen wegen Blockaden bald wieder umkehren. Dennoch bringen sie alles unter, was zu einer Pegida-Demo gehört. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, „Wir sind das Volk“, „Lügenpresse“. Als der Zug wenden muss, verabschiede ich mich. Vorbei an der Polizei, auf die spanischen Reiter zu. Dahinter stehen die Gegendemonstranten. Ich rauche noch eine, dann der Lichtblick des Tages: Aus einer Schule im „Sperrgebiet“ kommen Kinder von der Chorprobe, werden von den Polizisten durch die Absperrung gelassen. Ich schlüpfe mit durch. „Ist das hier die Pegida-Demo“, fragt eines der Mädchen. „Nein“ , sagt ein anderes. „Die ist da hinten. Das hier sind die Guten.“

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