Wie dürfen Medien noch berichten?

Es war ein Schock. Am späten Vormittag tauchte es in meiner Timeline auf. „Flugzeugabsturz über Südfrankreich. Maschine von Germanwings.“

Was dann kam, war übliche Prozedur. Die Medien überschlugen sich. Nach und nach kamen immer neue Wasserstandsmeldungen heraus… Genauso wie es sein soll.

Die Relevanz über das Thema zu berichten, sollte eigentlich unstrittig sein. Viele Menschen kamen zu Schaden, es passiert nicht sonderlich oft, dass ein Flugzeug abstürzt und schon gar nicht quasi vor der Haustür, mit vielen Einheimischen. Also das Paradebeispiel für eine berichtenswerte Nachricht.

Doch wie soll noch berichtet werden, in einer Zeit, in der die Presse zwar von jedem – am liebsten kostenlos – konsumiert werden möchte und dennoch der Fußabtreter für allen Unmut ist. „Lügenpresse“, „Klickhuren“ – all das ist täglich bei kleinen Meldungen bereits zu lesen. Wie also an das schreckliche Unglück von Flug 4U9525 herangehen. Offengestanden gibt es nur eine Möglichkeit: Wie immer!

Das heißt: Opfer zählen, Opfer einordnen, die Ursachenforschung begleiten, Randerscheinungen abbilden, Stimmen einholen. Optional können Flugzeugabstürze aufgelistet werden, mit Flugzeugbauern gesprochen, etc. … Auch eine Trauerbekundung ist möglich. Schweigeminute im Fernsehen, Sonderseite in der Zeitung. Doch in einer Zeit, in der die Presse das Ansehen in Welt verloren hat, ist das alles falsch.

Als erstes trat das Twitter-Team vom Hessischen Rundfunk in das zischende Fettnäpfchen.

Als Nebeninfo vermeldeten sie, dass die Aktien der Lufthansa nach dem Absturz in den Keller gegangen sind. Dafür mussten sie sich anhören, Journalistischen Anstand vermissen zu lassen, oder gar ein „zynisches Pack“ zu sein.

Doch warum? Hat der hessische Rundfunk seine Aktien abgestoßen, um seinen Gewinn zu optimieren oder waren es Banken und Anleger? Der Hessische Rundfunk, in dessen Einzugsgebiet die Börsenstadt Frankfurt liegt, hat Randinformationen zum Unglück geliefert und wird dafür – mit reichlich Zuspruch – an den Pranger gestellt.

Wer jetzt meint, mit etwas mehr Anstand, hätte der HR auch nur einen Blumentopf bei den Medienkonsumenten gewonnen, der irrt.

Die Bild widmet den Opfern eine ganze Trauerseite. Die letzte Seite der am 25. März erscheinenden Ausgabe ist schwarz. In kleinen Buchstaben steht darauf: „In Trauer um die Opfer von Flug 4U9525“, drunter grau und unauffällig das BILD-Logo. Eine stilvolle Seite. Ohne Sensation, einfach pure Anteilnahme. Doch als Chefredakteur Kai Diekmann die Seite am Dienstagabend twitterte, hagelte es sofort Kritik.

Scheinbar ist auch das nicht richtig. Der BILD wird vorgeworfen Kapital aus dem Unglück schlagen zu wollen, ihr wird Scheinheiligkeit unterstellt – und das auf dem Rücken der 150 Opfer.

Ich meine hier natürlich nicht jeden Medienkonsumenten. Höchstwahrscheinlich ist es mal wieder nur die laute Minderheit. Doch ich fühle mich genötigt das zu sagen: Es sind 150 Menschen gestorben. Die Tragödie ist an sich schlimm genug. Da sollten Möchtergernmoralapostel aus der „Presse auf die Fresse“-Fraktion vielleicht den ein oder anderen Tweet überdenken, bevor sie beim kritisieren vermeintlicher Pietätlosigkeit selbst das Andenken der Opfer beschmutzen.

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4 Kommentare zu “Wie dürfen Medien noch berichten?

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