Schäm dich, Jena – und empöre dich nicht

Es ist keine vier Jahre her. Steven Uhlys Buch „Adams Fuge“ hatte plötzlich schreckliche Aktualität bekommen. Es kam heraus, dass drei Rechts-Terroristen aus Jena in den letzten Jahren Morde und Anschläge verübt hatten – und der Verfassungsschutz möglicherweise involviert war. Das ZDF-Format „aspekte“ lud Uhly daher in die thüringische Stadt an der Saale ein, drehte einen Beitrag.

Nach der Ausstrahlung ging in Jena sofort ein Beißreflex um: Die Stadt sei als braunes Nest dargestellt worden, das könne nicht sein. Auf Facebook wurde diskutiert, geschimpft, abgestritten. Was getroffene Hunde nun eben so tun. Denn auch wenn Jena sicherlich nicht Primär als Neonazi-Hochburg in Erscheinung tritt, hat die Stadt ein großes Problem mit Rechtsradikalen und Rassismus. Schließlich war Jena jahrelang zum „Fest der Völker“ Anlaufpunkt für Neonazis aus ganz Deutschland, in Lobeda konnten Neonazis im „Braunen Haus“ jahrelang unbehelligt wirken, auf jedem Volksfest in der Innenstadt schien Thor Steinar die meist getragene Modemarke zu sein – und als Spitze des Eisbergs wirkte NPD-Kader Ralf Wohlleben von Jena aus. Der Mann, der sich seit 2013 als mutmaßlicher Waffenlieferant Ralf W. im NSU-Prozess verantworten muss.

Doch das schien viele gar nicht zu interessieren. Neonazis? Wir doch nicht! Das ZDF wurde zum Sündenbock – und auch Lothar König. Der hielt bei Udo Lindenbergs „Rock’n’Roll Arena“ im Paradies eine Rede. Der Tenor. Das Neonazi-Problem ist anderswo größer, aber das ist viel Arbeit gewesen, wir sind noch lange nicht fertig. Der JG-Pfarrer wurde von der Bühne gebuht. Schließlich waren viele Gäste gar nicht da, um ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen, zu zeigen, dass Jena tatsächlich anders sein kann. Sie kamen, wegen Clueso. Da störte der Mann auf der Bühne, der Warnungen aussprach nur.

Und nun? Fast vier Jahre später? Hätten sie mal zugehört. Denn Jena war nie eine bunte Insel im braunen Deutschland, wie es viele behütete Innenstadt-Menschen, die unpolitischen F-Haus-Stammgäste der Jura- und Wirtschafts-Fakultät und viele mehr auf Facebook betonten. Auch heute nicht. Wenn ich zu Besuch in meiner ehemaligen Heimat bin, höre ich immer wieder Schauergeschichten. Was sich nach Kleinigkeiten anhört, ist ganz klar Rassismus: Da ist der Fahrkartenkontrolleur, der über alle Tickets kurz rüberschaut – und sich die Fahrscheine zweier Frauen mit Kopftuch ganz genau anschaut, die zunehmenden Neonazi-Aufkleber in der Stadt, die Burschenschaftler, die leider fest zum Stadtbild gehören und einem abends in der Kneipe erzählen wollen, Ausländer seien grundsätzlich fauler, auf Facebook formierte sich Widerstand gegen ein Asylbewerberheim.

Auch die Wahlen zeigen: Der Rasissmus ist im Kommen. Das zeigte auch die letzte Landtagswahl. In Jena bekamen NPD und AfD zusammen mehr als 9 Prozent der Zweitstimmen. Das ist kein Ergebnis für eine selbsternannte weltoffene Stadt.

Der Wind in Jena hat sich in den letzten Jahren wieder gedreht. Rechtes Gedankengut bekommt wieder Oberwasser. Bestes Anzeichen dafür: Nach vielen Jahren wollen Neonazis am Samstag wieder in der Universitätsstadt aufmarschieren, wittern ihre Chance, nachdem AfD und Pegida den Rassismus zurück in die selbsternannte Mitte der Gesellschaft gehievt haben. Glücklicherweise werden sich rund 3000 Jenaer gegen den Neonazi-Aufmarsch stellen. Doch im Internet herrscht Unzufriedenheit darüber. Die Gegendemonstranten sollen lieber zu Hause bleiben, heißt es da. Der viel bemühte normale Bürger will schließlich zur Arbeit oder einkaufen. Die Linken sollen weg, die stören nur. Warum sich 3000 vermeintliche Linke auf die Straße stellen, scheint den Jenaer Nörglern egal. Naziproblem? Nein! Hier doch nicht! Immer noch nicht! Und dennoch wurden Mitte Juni drei Indische Studenten von polizeibekannten Neonazis verprügelt.

Jena hat ein Problem. Das immer noch zu leugnen ist falsch. Und dennoch wird es gemacht. Schäm dich Jena. Die Empörung über „aspekte“ war das falsche Signal.

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Ein Kommentar zu “Schäm dich, Jena – und empöre dich nicht

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