Auschwitz-Prozess: Hoffnung auf mehr

Das Urteil im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist gesprochen. Der inzwischen 94-jährige SS-Mann wurde wegen der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Ein vergleichsweise mildes Urteil – gerade wenn man bedenkt, dass er seine Strafe aus gesundheitlichen Gründen gar nicht antreten muss. Und dennoch: Wichtiger als das Urteil war der Prozess an sich.

Der Prozess ist ein spätes Stück Gerechtigkeit für die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer. Jahrelang wurde Verfahren immer wieder eingestellt – aus Mangel an Beweisen. Der Grund liegt im Jahr 1969. Damals hatte der Bundesgerichtshof im Fall Auschwitz festgelegt, dass den Wächtern für eine Verurteilung eine individuelle Schuld nachgewiesen werden müsse. Oft war das nicht möglich. Viele Täter kamen ohne Strafe davon. So auch Gröning im Jahr 1985. Erst 2011 kam die Wende. John Demjanjuk wurde wegen Beihilfe zum Mord in 20.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteil. Die Zentralstelle für NS-Verbrechen bewertete die Erfolgsaussichten neu, Gröning stand 2015 wieder vor Gericht – und zeigte erstmals Reue.

Am Tag vor der Urteilsverkündig gab er zu Protokoll: Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Das haben wir hier gehört, das ist mir bewusst. Ich bereue aufrichtig, dass ich diese Erkenntnis nicht früher umgesetzt habe. Das tut mir aufrichtig leid.“ Auch wenn Gröning wegen seines Gesundheitszustandes seine Haft nicht antreten sollte: Er musste sich mit seinen Taten beschäftigen – und dabei Überlebenden des Holocausts ins Auge blicken. Die Veruteilung war nur der logische Schritt in einem funktionierenden Rechtssystem.

Es ist gut zu wissen, dass inzwischen auch selbsternannte kleine Rädchen der Nazi-Tötungsmaschinerie strafrechtlich verfolgt werden, sie nicht verdrängen können was sie getan haben, sondern sich moralisch und juristisch für ihre Taten verantworten müssen. Aber auch Deutschland stellte sich mit diesem Prozess der eigenen Vergangenheit – dem Völkermord an über sechs Millionen Juden. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass sich Nazi-Verbrecher in diesem Land nicht verstecken können. Nicht mal hinter ihrem inzwischen fortgeschrittenen Alter.

Dieser Prozess sollte ein Anstoß sein, weitere Verfahren in Gang zu bringen. Für die Gerechtigkeit und gegen das Vergessen. Mord verjährt nicht – warum sollte das bei systematischem Massenmord anders sein…

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