Pegida und Co.: Die negativen Folgen des WM-Triumphs

13. Juli 2014. Ich sitze mit Freunden vor dem Fernseher. Die Uhr zeigt 23.24 Uhr. Der Ball kommt zu Mario Götze. Tom Barthels brüllt „Mach ihn, mach ihn – er macht ihn!“ Die Siegerehrung. Freudentaumel. Keine Frage: raus zum Autokorso. Feiern! Die DFB-Auswahl ist Weltmeister. Dann Ernüchterung.  Ein paar besoffene Jungs am Nürnberger Plärrer in meinem Alter grölten: „Endlich sind wir wieder wer!“

An das „wir“ habe ich mich längst gewöhnt. Wir sind Papst. Wir sind Weltmeister. Lächerlich, aber dagegen anzukämpfen lohnt nicht. Doch brauchte Deutschland wirklich dieses zusätzliche Selbstvertrauensschub? Ich denke nicht. Der WM-Sieg 1954 wurde im Nachhinein als Geburtsstunde des „Wir sind wieder wer“-Gefühls interpretiert. Damals hatte es Deutschland bitter nötig. Endlich. Nach zwei begonnenen Weltkriegen konnte Deutschland mal wieder positiv auf sich aufmerksam machen. Ein neues Selbstvertrauen war geboren. Deutschland konnte mehr als nur Mord und Totschlag.

60 Jahre später. Deutschland ist längst wieder ein Global Player. Dominiert die Europäische Union nach Belieben, regiert Griechenland seit 2010 quasi als Kolonie mit. Und dennoch: Die besoffenen Jungs waren nicht die einzigen die behaupteten Deutschland sei „jetzt wieder wer.“ „Endlich können wir wieder stolz auf uns sein!“ Und genau da liegt der Fehler. Ich war stolz auf Schweinsteiger und Co. auch auf Matthias Sammer, der die Jugendarbeit im DFB nachhaltig vorangetrieben hatte. Aber auf mich. Was habe ich getan. Bier getrunken. Bier beim Jubeln verschüttet, auf eine Einwechslung von Kevin Großkreutz gehofft und wieder Bier getrunken. Bei 99,9 Prozent der anderen in Deutschland wir der Anteil nicht höher gewesen sein. Und dennoch: Das Selbstbewusstsein wuchs. Der Stolz auf Deutschland – ja, richtig Deutschland und merkwürdigerweise nicht den DFB – stieg in unermessliche höhen

Übermenschen und Rattenfänger

Die Deutschen sind wieder Übermenschen. Genau hier harkte der rassistische Rattenfänger und Propaganda-Profi Lutz Bachmann ein. Seine – abgesehen vom Rassismus – konzeptlose, aber Flaggen schwingende Organisation hätte ohne dieses übersteigerte Selbstbewusstsein niemals so viel Zulauf bekommen. Die „wir sind besser“-Mentalität übertrug sich schon während der WM auf die Bürger. Das war schon während der vergangenen großen Turniere zu spüren. Doch die Löw-Elf schied immer rechtzeitig aus, bevor sie in totaler Selbstüberschätzung endete.

Ein „Wir Gefühl“, was auch während der WM 2014 immer beschworen wurde, schafft automatisch einen Ausgrenzungsgedanken. Das begann schon direkt nach dem Titelgewinn. Machten sich Klose und Co. auf der Fan-Meile noch unter tosendem Jubel über „die Gauchos“ lustig, lieferte Bachmann ein anderes Feindbild: Alles Fremde und vermeintlich unnahbare. Moslems, Asylbewerber, die „Lügenpresse“, die „Volksverräter“, die „Gutmenschen“.

Inzwischen brennen in Deutschland Asylbewerberheime, Flüchtlinge werden beschimpft, angegriffen. Ich bin weit davon entfernt, der DFB-Elf dafür irgendeine Schuld zu geben, sie wollten nur Fußball spielen, Erfolg haben. Ich gebe sie den „dem Volk“! Denn die Deutschen haben falsche Schlüsse aus dem Triumph ihrer Helden geschlossen. Sich völlig ohne Grund über andere Menschen gestellt – und sind einem Rattenfänger auf dem Leim gegangen.

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