Bundeswehreinsatz in Syrien? Ein Gewissenskonflikt

Am Freitag stimmt der Deutsche Bundestag über einen Bundeswehreinsatz in Syrien ab – und ehrlichgesagt: Ich bin sehr froh diese Entscheidung nicht treffen zu müssen. Es ist leicht, zu rufen: „Kein Krieg. Man muss reden.“ Doch kann man mit jemandem reden, der überhaupt nicht reden will? Der die westliche Welt, mit ihrer von Verhandlungen geprägte Demokratie ablehnt und alles daran setzt, diese zu vernichten? Ich sage es nicht gern – und mein 14-jähriges Ich, das laufend sein „Kein Blut für Öl“-Shirt trug, wird mich dafür hassen. Sowohl für die westliche Welt, bei der inzwischen erste Ausläufer des Terrors ankommen, als auch für die Zivilbevölkerung im mittleren Osten, die sich dem Gräuel schon länger und intensiver ausgesetzt sieht, ist ein Militäreinsatz unausweichlich.

Für mich ist nicht die Frage, ob Deutschland mit Frankreich gegen „ISIS“ in den Krieg ziehen sollte. Für mich ist entscheidend wie, mit wem und was danach. Kann „ISIS“ mit einem Krieg aus der Luft wirklich besiegt werden, braucht es nicht viel eher Bodentruppen? Würde das nicht sogar die Zivilbevölkerung ein wenig verschonen? Wären für eine solche Strategie überhaupt genug Soldaten im Häuserkampf ausgebildet?

Ich bin kein Militärstratege. Kriegsdienstverweigerer. Eine Waffe wollte ich nie in die Hand nehmen und jetzt plädiere ich für einen Kampfeinsatz und mache mir Gedanken über das Wie. Ja. Ich denke Bodentruppen wären besser. Der Kollateralschaden bei der Zivilbevölkerung wäre wohl geringer, so nüchtern, so laienhaft. Doch da schließt schon die nächste Frage an. Beginnt der Kampf einmal, wer wären die Verbündeten, wer die Feinde? „ISIS“ ist der Feind. So weit, so gut. Aber was ist mit der Al-Nusra-Front? Wohl auch Feinde. Und Assad? Eigentlich auch ein Feind. Doch benötigt der Westen Assads Verbündeten Putin als Verbündeten, denn ohne Veto-Macht Russland hätte es nicht mal die kryptischen, wenigsagenden UN-Resolutionen gegeben, die der Westen aktuell in der Hand hat. Ist Kriegsverbrecher Assad also als notwendiges Übel? Kann man es verantworten, mit einem Mann, der abertausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, zu kooperieren? Für den Frieden? Belügt man sich nicht selbst? Ja. Man belügt sich selbst, wenn man für die Schaffung von Frieden mit Assad kooperiert – und Nein: Man darf es nicht tun. Unter keinen Umständen.

Während Soldaten in Syrien „ISIS“ bekämpfen haben Unterhändler eine große Aufgabe. Putin muss von Assad abrücken. Eine Koalition darf es nicht geben – und doch muss „ISIS“ eingedämmt werden. Besser gestern als heute. Es braucht einen Militäreinsatz und Verhandlungen mit Russland – am besten gleichzeitig. Es darf nicht heißen „ISIS“ oder Assad. Beide haben tausende Menschen getötet, Millionen aus ihrer Heimat vertrieben. Nur weil der Syrische Diktator keine Ziele in Europa angreift, wird aus einem Massenmörder kein Verhandlungs- oder Kriegspartner. Ein Militäreinsatz wäre nur dann erfolgreich, wenn Terrormiliz und Regime Geschichte sind.

„Accomplished“ wäre diese Mission dann noch lange nicht. Denn dann müsste die Prophylaxe beginnen. Die Menschen in Syrien, die jahrelang unter „ISIS“ und Assad leiden mussten, brauchen dann eine Zukunft. Bildung, Infrastruktur, stabile politische Verhältnisse. Dafür müssen die Staaten, die nun in den Krieg ziehen, einen Plan in der Tasche haben. Überlässt man die Zivilbevölkerung nach einem Krieg voller Toter und Zerstörung sich selbst, kommen die nächsten geistigen Brandstifter und fangen sie auf. Menschen abholen, die sich verlassen fühlen. So machte es „ISIS“ im mittleren Osten und so macht es derzeit Pegida in Deutschland. Es sind immer die gleichen Muster. Nach einem erfolgreichen Militäreinsatz in Syrien hätte man abermals die Chance, es besser zu machen, der Zivilbevölkerung die Hand zu reichen, der Neustart zu erleichtern. Warum sollten es Hetzer und Fanatiker besser können als friedliebende Menschen?

Doch all das ist Konjunktiv oder unbeantwortet. Am Freitag entscheidet der Bundestag. Ich würde für einen Einsatz stimmen und doch jedem Recht geben, der sagt: „Das kann ich nicht verantworten.“

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