Ein Job für Christian Klar? Wieso ist der Aufschrei so groß?

Der Aufschrei ist groß. Ex-RAF-Terrorist Christian Klar arbeitet für den Linken Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm. Er betreut die Website des MdB. In den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Empörungen. Klar im Bundestag sei wie Edathy bei einer SPD-Jugendveranstaltung, schreibt einer, „Skandal“ ein anderer – und CSU-Politiker Stephan Mayer wirft der Linken vor, sich somit im Kampf gegen Rechtsextremismus unglaubwürdig zu machen. Abgesehen davon, dass die Kausalkette von Mayers verbalem Angriff nicht schlüssig ist, stellt sich die Frage: Warum gibt es so viel Widerstand gegen die freie Beschäftigung eines ehemaligen Straftäters?

Sicher ist es diskutabel, ob ein Mann, der wegen mehrfachen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt wurde und eine 26 Jahre lange Haftstrafe abgesessen hat, als freier Mitarbeiter für einen Bundestagsabgeordneten sollte. Doch muss man dem Ex-Terroristen nicht die Chance geben, sich zu resozialisieren? Die Chance, der Gesellschaft wieder nützlich zu sein?

Schließlich haben andere Männer, die sich nur durch Lügen und falsche Angaben von ihrer Mitschuld am Massenmord der Nazis reinwuschen auch die Chance bekommen, in der Bundesrepublik Deutschland etwas zu werden. Die prominentesten Beispiele sind wohl Ex-Kanzler Kurt Georg Kiesinger und der von RAF-Terroristen getötete Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer. Ein paar Eckdaten:

Der ehemalige Bundeskanzler war bereits vor der Machtergreifung Hitlers in der Studentenverbindung Askania engagiert, seit Sommer 1927 als Senior. Diese Verbindung machte sich seit Beginn der 30er Jahre nationalsozialistisches Gedankengut zu eigen. Nur wenige Tage nach Hitlers Machtübernahme trat Kiesinger dann in die NSDAP ein. Ein Zeitpunkt, zu dem es sogar noch andere Parteien gab. In den folgenden zwölf Jahren machte er eine steile Karriere, schaffte es zum „stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung“. Das bestritt er nach Kriegsende, wurde als Mitläufer eingestuft. Eine fragwürdige Entscheidung.

Noch skurriler wird es bei Hanns Martin Schleyer. Der spätere Arbeitgeberpräsident wurde ebenfalls als Mitläufer eingestuft. Dabei trat er bereits mit 16 Jahren, 1931, in die Hitler-Jugend ein. Zu einer Zeit, in dem Menschen noch die Wahl hatten. Gerade 18 Jahre alt geworden schloss er sich am 1. Juli 1933 auch der SS an. 1935 trat er aus seiner Studentenverbindung aus, weil sie sich weigerte, jüdische Alt-Herren auszuschließen. Er warf der Verbindung „mangelnde nationalsozialistische Gesinnung“ vor. 1937 kam der Eintritt in die NSDAP, dann machte auch Schleyer Nazi-Karriere. 1939 übernahm er die Leitung des Studentenwerks der Deutschen Uni in Prag, 1943 wurde er Sachbearbeiter im Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren. Die Aufgaben des Verbandes: „Arisierung“ der tschechischen Wirtschaft, Beschaffung von Zwangsarbeitern. Schleyer schaffte es sogar zum persönlichen Sekretär des Präsidenten. Inzwischen hatte er in der SS den Rang des Untersturmführers inne. Nach der Befreiung Deutschlands von Nazi-Regime log sich Schleyer frei. Er gab einen niedrigeren Rang an und war trotz seiner Vergangenheit ein freier Mann, schaffte es zum Arbeitgeberpräsident, zum Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Diese Männer wurden für ihre Verbrechen niemals bestraft, durften in der Bundesrepublik durchstarten. Christian Klar wurde verurteilt und seine Hilfstätigkeit im technischen Support von Dehms Website löst einen Aufschrei aus. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Christian Klar hat die Strafe für seine Taten verbüßt, er ist ein freier Mann. Die Gesellschaft muss ihn wieder aufnehmen, ganz gleich ob am Steuer eines Lkw oder im Bundestag. Dort arbeiteten schließlich auch Verbrecher, die nicht gebüßt haben. Eine zweite Chance, sein Leben so gestalten zu können, wie er es für richtig hält, sollte jeder bekommen – gerade, wenn es auch für Nationalsozialisten gilt.

 

p.s. Lieber Verfassungsschutz. Ich hege keinerlei Sympathien für Christian Klar und finde die Verurteilung des Mannes auch richtig. Ich wollte lediglich auf die Unverhältnismäßigkeit des Protests hinweisen.

Ihr ergebener

Domescu Möller

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