Mit Donald Trump stirbt der „American Dream“

Ich halte nicht viel von derlei pathetischen Begriffen wie dem „American Dream“. Donald Trump schon. Er lässt sich und seine Anhänger glauben, er sei ein Paradebeispiel. Durch Fleiß sei er erfolgreich geworden. Eine Formel, die seit knapp 100 Jahren jedem Amerikaner die freie Marktwirtschaft schmackhaft machen und ihnen eine kollektive Identität einpflanzen soll. Wir gegen alle. U – S – A! Oft wird sie auf die Möglichkeit, vom „Tellerwäscher zum Millionär“ aufzusteigen, heruntergebrochen.

Nun gibt es genau zwei Probleme. Erstens: Trump war nie Tellerwäscher. Trump war der Sohn eines reichen Immobilienunternehmers und er ist selbst: ein reicher Immobilienunternehmer, der, weil er drohte, vom Millionär zum Tellerwäscher zu werden, sich, seine Familie und sein Privatleben in der Unterhaltungsindustrie vermarktete. Das allerdings – so viel Zeit sollte sein – ziemlich erfolgreich.

Zweitens steht es um die Chance der Amerikaner, die nicht in einen Millionärshaushalt geboren wurden, gar nicht mal so gut, irgendwann im Geld zu schwimmen. Studien zeigen, dass der soziale Status der US-Amerikaner viel mehr von ihrer sozialen Herkunft abhängt, als dies beispielsweise in Europa der Fall ist. Trump wird das mit seinen angekündigten Steuererleichterungen für Unternehmen sicher nicht ändern. Warum sollte ein eingeborener Multimillionär auch ein Interesse daran haben, dass jeder seines Glückes Schmied ist und der Sohn eines von Trump höchstpersönlich mit einem subventionierten und dennoch wohl schlecht bezahlten Job in der Kohleindustrie ausgestatteten Bergmanns, aufgrund seiner Qualifikationen, einmal die gleichen Chancen auf einen guten Job haben sollte wie sein jüngster Spross Barron?

Doch eigentlich will ich gar nicht den klassischen „American Dream“ Thematisieren, nicht den rein wirtschaftlichen. Mir geht es um den ideellen, den ursprünglichen.

Es geht mir um den „American Dream“ der Amerika tatsächlich einmal „great“ gemacht hat. Es war der „American Dream“ der Einwanderer. Der „American Dream“ derer, die ihr Glück in der neuen Welt suchten und oftmals, wie auch Trumps Großvater, tatsächlich fanden. Aus der Monarchie in die Moderne. Aus der Unterdrückung in die Freiheit. Doch das möchte Trump nicht. Trump will Amerika einigeln. Trump will Zölle erheben, Handelsabkommen stoppen. Trump sieht diplomatische Bündnisse kritisch. Trump will eine Mauer bauen und Einwanderung stärker kontrollieren, er will Menschen zurück in die Länder schicken, aus denen sie gekommen sind. Damit verwehrt er ihnen das in der Verfassung garantierte – ebenfalls sehr pathetische – Streben nach Glück.

Trump handelt dem „American Dream“ entgegen. Amerika ist „great“, Amerika war „great“, Trump führt es nun zurück. Trump wird im Schlimmstfall alle Amerikaner aus der freien Welt, der neuen Welt zurück in die Monarchie führen. Eine Art Monarchie mit ihm selbst an der Spitze. Dann wäre zwar nicht Amerika, aber Trump „great again“.

Ich bin kein Hellseher, das musste man sehen

Björn Höcke ist ein gefährlicher Nationalsozialist. Das habe ich schon länger gesagt. Seine Rede in Dresden hat das erneut bewiesen. Die AfD ist eine gefährliche Partei, die nationalsozialistisches Gedankengut mindestens toleriert. Das hat die fehlende absolute Distanzierung von ihrem Thüringer Fraktionsvorsitzenden gezeigt. Das Rumgeeier im Anschluss war unerträglich. Auch darauf habe ich länger hingewiesen.

Das ganze heißt nicht, dass ich ein Hellseher, Prophet oder sonst irgendetwas bin. Ganz im Gegenteil: Es war schon immer zu sehen, dass die AfD von rechtsradikalem Gedankengut getragen wird. Es war schon immer zu sehen, dass es Strömungen in der Partei gibt, die die Geschichte relativieren. Damit geht diese Partei auf Wählerfang.

Doch nicht aller Wähler dieser rechtsradikalen Partei glorifizieren ebenfalls den Nationalsozialismus, da bin ich mir sicher, weil ich noch ein bisschen an das Gute im Menschen glaube. Doch viele Menschen verschlossen bislang vor der menschenverachtenden Ideologie der Partei und ihrer Gesichter die Augen.

Wie lange noch, frage ich: Bis die AfD und Goebbels-Imitator Höcke dieses Land regieren und die Wähler am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wieder in einem Unrechtsstaat zu leben?

Ich hoffe nicht.

Mehr Kamera-Überwachung wäre falsch

Der Ruf nach mehr Kamera-Überwachung ist nach dem grausamen Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz so laut hörbar in Deutschland wie noch nie. Doch das ist falsch. Waren die ersten Botschaften aus der Spitzenpolitik nach der aufrichtigen Trauer um die Todesopfer nicht dahin gerichtet, die Freiheit nicht aufgeben zu wollen? Ist es nicht ein wichtiges Zeichen, das freie Leben fortzuführen, sich nicht einschränken zu lassen, keine Angst zu haben und sich schon gar nicht aus der Angst heraus zu übereilten und folgeschweren Entscheidungen hinreißen zu lassen? Doch genau das ist es.

Ein mit Überwachungskameras zugepflastertes Berlin wäre nichts weiter als ein Ausdruck der Angst. Aktionismus. Denn verhüten werden Kameras derartige Anschläge nicht. Sie können schließlich nicht in die Zukunft schauen, nur schwerlich live ausgelesen werden. Dazu fehlt, das ist kein Geheimnis, Personal. Zumal vor einer Bedrohungslage ohnehin nicht klar ist, worauf denn genau geschaut werden soll.

Bleibt die Sichtung im Nachhinein. Da kann es letztendlich tatsächlich hilfreich sein, alles auf Band aufgezeichnet zu haben. Das will ich gar nicht bestreiten. Doch wer legt die Grenze fest? Ab wann ist ein Delikt so schlimm, dass die Videobänder gesichtet werden? Ab zwölffachem Mord wie am Breitscheidplatz? Ab gemeinschaftlichem versuchten Mord wie in der heiligen Nacht in einem Berliner U-Bahnhof? Bei jedem Taschendiebstahl? Und wie begründet muss der Tatverdacht sein? Wer garantiert, dass durch eine flächendeckende Überwachung nicht etwa einzelne Menschen, so lange sie sich im öffentlichen Raum bespitzelt werden?

Die ersten Fragen muss ein etwaiger Gesetzesentwurf beantworten, die letzte ist rein hypothetischer Art, zumindest so lange wir in Deutschland noch eine demokratische Regierung haben. Doch bei jeder Einschränkung der persönlichen Freiheit muss sich die Politik die Frage stellen: Bringen wir nicht hier vielleicht etwas auf den Weg, dass weniger demokratischen Nachfolgern zum Staatsterror gereichen könnte? Eine flächendeckende Videoüberwachung der deutschen Städte in den Händen einer potenziell regierenden AfD halte ich für brandgefährlich.

Doch zurück zum Handfesten, zum demokratischen Deutschland, im dem man einzelnen Missbrauch der Video-Überwachung zwar nicht ausschließen kann, ein flächendeckender aber nicht droht: Da Videoüberwachung eben weder ein Verbrechen verhindern kann, noch bei der Auswertung immer zu validen Ergebnissen führen muss, wie das Wirrwar um vermeintliche Aufnahmen von Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri vor einer Moabiter Moschee zeigte, sollte das Risiko, das für die Freiheit eines jeden Einzelnen durch Kamera-Überwachung besteht, nicht eingegangen werden. Im speziellen Falle des Terrorismus oder auch bei Serienmördern kommt hinzu: Es sind häufig Täter mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Es sind Täter, die nicht zwingend gefunden werden, aber ihre Taten mit sich verbunden haben wollen. Im Falle der Terroristen waren es zuletzt oft Ausweise, die platziert wurden. Gar nicht schlecht für die Identifizierung von Tätern.

Alles Gute, Comandante ben Yoseph

Heiligabend. Das Fest der Freude und der Nächstenliebe beginnt. Wir Christen feiern die Geburt Jesu. Gott hatte seinen Sohn auf die Erde geschickt, nur wenige Jahre später wurde er gekreuzigt, er starb und nahm die Sünden der Welt auf sich.

Mit Jesus hat Gott nicht nur den Erlöser auf die Erde gebracht sondern auch einen Widerstandskämpfer, einen mit großen Tugenden. Ein Widerstandskämpfer, der frei von Hass war, frei von Angst. Einen, der „die andere Wange hinhalten“ nicht nur propagiert, sondern auch gelebt hat.

Diese Tugenden sollten uns heute ganz besonders wichtig sein. Jesus begehrte auf, ohne dabei Gewalt anzuwenden, Jesus eckte an, in dem er so viel Liebe gab, wie sich zu diesem Zeitpunkt niemand vorstellen konnte. Jesus half Menschen, egal wie aussätzig sie im wahrsten Sinne des Wortes waren. Er scherte sich nicht darum, wem er half, ganz egal was die römischen Besatzer davon hielten.

Diese Details der Christlichen Nächstenliebe sollten wir uns nicht nur an diesem Tag wieder in Erinnerung rufen. Widerstand funktioniert nicht nur mit Waffen, Wut und Hass, denn das sind die Mittel der Aggressoren. Die Mittel von „ISIS“, die Mittel der AfD, die Mittel aller Faschisten dieser Welt.

Gerade heute sollten wir uns daran erinnern, was die Welt zusammenhält, die Nächstenliebe und das Vertrauen in die Zukunft. Jesus wurde gekreuzigt und doch hat seine Botschaft die Jahrhunderte überdauert. Seine Botschaft wurde von den Römern, die ihn ermordet haben, knapp 400 Jahre später in leicht veränderter Weise zur Staatsreligion erklärt.

Jesus hat gewonnen, die Liebe hat gewonnen, gegen alle Aggression, gegen alle Waffen, gegen die Unterdrückung. Jesus, der linke Revolutionär.

Zigaretten-Schockbilder: Jeder Spuk flacht ab

Seit Ende Mai müssen Zigarettenschachteln in Deutschland mit sogenannten Schockbildern versehen werden. Da Tabakunternehmen aber bescheid wussten, produzierten sie vor. Ab Mitte Juli waren die Schachteln mit den großen Bildern dann in den Regalen und zugegeben: Der Rest Stil, den die Schachteln trotz Warnsprüchen ausstrahlten war weg. Das war tatsächlich ein Schock. Und ja, viele meiner Arbeitskollegen und auch ich suchten Wege, diese Bilder, nicht ständig sehen zu müssen. Ich holte mir ein Etui, bekam ein weiteres vom Späti-Mann meines Vertrauens geschenkt. Eine Kollegin holte sich eine Tabaktasche, eine andere steckte einfach eine zurechtgeschnittene Karte aus Pappe unter die Folie genau dorthin wo das Schockbild sitzt.

Bei genauerer Betrachtung erschloss sich mir aber: Längst nicht alle Bilder sind gruselig, schockierend schon gar nicht. Das Baby mit dem Zigarettenschnuller oder der Mann, der sein Kind auf dem Arm hält und anpustet haben eher etwas von Comedy. Der Baby-Sarg, der Asche-Embryo und der Mann in Fötusstellung sind eher abstrakt, verraten aber nichts Neues. Bei den Männern, die auf verschiedenen Bildern in Krankenhausbetten liegen, wird auch nicht zwingend deutlich, dass diese dort wegen ihres Zigarettenkonsums liegen – und ob Raucher tatsächlich ein größeres Risko zu erblinden haben, wie es einige Schachteln suggerieren, und um wie viel höher das Risiko ist, ist überhaupt nicht abschließend geklärt.

Bleiben noch die Körperlichen Bilder. Kaputte Zähne: nicht schön. Kaputter Fuß: Tatsächlich beängstigend, aber der kommt auch nicht über Nacht. Die Blut hustende Frau: Ja. Hat am Anfang schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Die Lungen-OP und das Loch im Hals: sind beides nicht bei einem kurzen Blick als solche zu erkennen.

Die Schockbilder mögen zu Beginn durch ihre Ankündigung tatsächlich etwas schockiert haben, doch das ist längst vorbei. Die Wirkung ist verflogen. Ich benutze meine Etuis längst nicht mehr. Zu umständlich, zu wenig Motivation bieten die wenig schrecklichen Bilder. Wir haben uns daran gewöhnt, wie wir uns an alles gewöhnen. Bei meiner Kollegin sind inzwischen die Pappkarten verschwunden. Alles ist beim Alten. Nur unansehnlicher sind die Schachteln. In meinem Umfeld aber kein bisschen unbeliebter.

„Abgehängte“ einbeziehen – aber Werte verteidigen

Seit Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, überschlagen sich deutsche Medien mit mindestens streitbarer Selbstkritik. Sie gestehen sich reihenweise in (Gast-)Kommentaren ein, jahrelang die sogenannten „Abgehängten“ nicht genügend beachtet zu haben. Und das ist wohl richtig. Nicht richtig ist der Selbstvorwurf der Arroganz, der Überheblichkeit, der Vorwurf in einer Blase zu leben.

Denn eine (Sub-)Kultur, in der von Gleichberechtigung unabhängig von Geschlecht, Religion und sexueller Orientierung zumindest geträumt wird, ist nicht nur eine Blase. Es sollte viel mehr eine Bewegung sein. Eine die wachsen muss und sich nicht zurückdrängen lassen darf.

Mit Wachsen ist hier keinensfalls Oktroyirung gemeint. Schließlich haben wir in Deutschland und den USA Demokratien – und hier kommt die Beschäftigung mit den „Abgehängten“ wieder ins Spiel. Natürlich muss man sich mehr um sie kümmern, natürlich muss man sich auch mit ihnen beschäftigen. Doch man sollte nicht, wie Populisten wie Trump, Petry und Le Pen es tun, ihnen nach dem Mund reden und Dinge versprechen, die so nicht realisierbar sind.

Diese Populisten sind es, die die vermeintliche Abgehängtheit der „Abgehängten“ ausnutzen, um Stimmen zu sammeln. Ihnen ist daran gelegen, dass sie weiter der Gesellschaft hinterherhinken, damit sie weiter genug Schafe für ihre Ziele haben. Aufrechte Demokraten sollten da nicht mitspielen. Sie sollten weiterhin nur im Rahmen das Möglichen agieren, die Gesellschaft aber mehr für Weltoffenheit sensibilisieren.

Es ist kein Geheimnis, dass den „Abgehängten“ mehr Optionen aufgezeigt werden müssen. Die Situation für Alleinerziehende muss verbessert, HatzIV angehoben, der Weg in den Arbeitsmarkt erleichtert werden, keine Frage. Aber all das darf eigentlich nichts mit der Ablehnung teilweise schon etablierter Werte zu tun haben. Arbeits- und Perspektivlosigkeit stehen in keinerlei Kausalität zur Homo-Ehe, zur Religionsfreiheit oder gleichen Löhnen von Mann und Frau. Niemand verliert etwas, wenn Männer Männer heiraten dürfen und diese dann gemeinsam ein Kind adoptieren. Niemand verliert etwas durch eine Moschee, eine Synagoge oder einen buddhistischen Tempel.

Die „Abgehängten“ wieder in die Gesellschaft zu holen, darf nicht heißen, selbst um 60, 70 oder 80 Jahre zurückzufallen. Es muss die Aufgabe sein, diese Menschen in die Welt von heute zu führen. Die Werte, die wir uns erarbeitet haben, müssen unverhandelbar sein.

Warum die Trump-Proteste demokratisch sind

Keine 24 Stunden war sicher, dass Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Ein Rassist. Ein Sexist. Ein homophober Chauvinist, der sich gar nicht mal so heimlich fragt, warum die USA die Atomwaffen nicht einsetzen.

Während er und seine politischen Gegner während der Stimmenzählungen wohl die gesamten Kreidereserven jenseits des Atlantiks aufgegessen haben, regt sich Protest in den US-Städten. Junge Menschen gehen auf die Straße, demonstrieren gegen ihren designierten Präsidenten. Prompt werden von seinen Unterstützern Stimmen laut, die die Demonstrationen als undemokratisch.

Dieser Eindruck ist jedoch falsch. Sie zweifeln das Ergebnis schließlich nicht an. Sie nehmen Trump als President Elect an, stellen aber klar: ‚mit seiner rückständigen Weltanschauung vertritt er mich in keinster Weise‘. Sie stellen sich nicht seiner Wahl entgegen, sie stellen sich ihm und seinen Positionen entgegen. Sie wollen ein Zeichen setzen, dass die Vereinigten Staaten nicht gleich Trump sind.

Auch aus Deutschland kommt Kritik an den Protesten: aus dem Lager der selbsternannten ‚besorgten Bürger‘, die mit der Wahl von Trump sehr zufrieden waren. Vergleichen die Trump-Proteste mit ihren „Merkel muss weg“-Demos. Doch der Vergleich hinkt. Während sich die Proteste, wie bereits erwähnt, in den USA gegen die mehrfach anschaulich dargelegten Weltanschauung des gewählten Präsidenten richten, haben die Anti-Merkel-Märsche eine andere, ziemlich dünne Grundlage. Unbewiesener- und absurderweise wird der Kanzlerin „Volksverrat“, „Umvolkung“ und der „Kampf gegen das eigene Volk“ vorgeworfen. Doch dafür gibt es keine Anzeichen. Sie rettete mit ihrer Grenzöffnung lediglich Hunderttausende Menschen vor großem Leid.

Trump hingegen machte keinen Hehl aus seinem Rassismus, seinem Sexismus und seiner Homophobie. Dagegen, dass ihr neuer Präsident diese Weltanschauung vertritt, gingen Hundertausende Amerikaner nun auf die Straße. Auch um ihm zu zeigen: Das werden wir nicht akzeptieren, dass können wir nicht akzeptieren, weil diese Weltanschauung unmenschlich ist.

Trump, Brexit, AfD: Der richtige Umgang fehlt

Großbritannien tritt aus rassistischen, egoistischen Beweggründen aus der EU aus. Der Tenor: Wir müssen damit leben. Die AfD eilt mit einem rassistischen Programm von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Aus dem politischen Berlin heißt es: Wir müssen damit leben. Seit Mittwoch steht fest: Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Glückwünsche kommen von Recep Tayyip Erdogan, Viktor Orban, Marine Le Pen, der AfD und Wladimir Putin. Aus der demokratischen Welt heißt es wieder: Wir müssen damit leben.

Doch das ist falsch. Richtig ist: Wir müssen es akzeptieren. Auch, wenn es nicht gefällt. All diese grausamen Entscheidungen sind auf der Basis der Demokratie getroffen worden. Dass sie sicher nicht auf der Basis der Vernunft getroffen wurden ist nur ein schwacher Trost. Daher müssen, ja dürfen wir auch nicht damit leben. Das ist zu passiv. Wir müssen damit aktiv umgehen.

Erstmal bleibt zu klären, wer denn das „wir“ ist. Das „wir“ sollten die Menschen sein, die längst als allgemeingültig betrachtete, aber offenbar nicht sonderlich verbreitete Werte vertreten. Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, religiöse Freiheit, sexuelle Freiheit. Das muss die Grundlage für Demokratie sein.

Von dieser Grundlage aus müssen sich die aufrechten Menschen den gewählten Hetzern entgegenstellen. Verhandlungen mit den Trumps, Orbans, Putins und Erdogans dieser Welt müssen mit aller Härte geführt werden. Zugeständnisse dürfen nicht hergeschenkt werden.

Die Tugend, die Kindern immer nahegelegt wird: „Der Klügere gibt nach“, darf nicht mehr gelten. Es ist nicht die Zeit für Höflichkeiten. Wohin wir kommen, wenn sich die Vernunftbegabten zurücklehnen, haben wir gesehen. Sie sind höflich, suchen Gespräche, machen ein Zugeständnis nach dem anderen. Die Polterer, die Populisten, die die niedersten Gelüste im Menschen ansprechen fahren die Erfolge ein. Der Klügere darf nicht nachgeben, der Klügere muss sich durchsetzen. Die Vernünftigen müssen den Hetzern klare Grenzen aufzeigen und der Bevölkerung die irrationalen Ängste nehmen.

Angst und Wut sind immer schlechte Begleiter, aber sie sind leicht zu schüren. Zu einfach ist es, zu behaupten: „Jemand bekommt etwas, warum du nicht?“ Das nagt. Das nagt an jedem einzelnen, aber es ist irrational. Genauso wie die Angst vor etwas, das einem anders erscheint. Da müssen die Vernünftigen eingreifen. Es bedarf mehr Bildung, viel mehr Bildung, um die Lücke zwischen den Vernünftigen und den Menschen mit beschränktem Horizont zu schließen.

Nur wer Fremdes nicht sofort mit Bedrohung assoziiert, lässt sich nicht von rassistischen, egoistischen Rattenfängern ködern und für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.

Die Vernunftbegabten haben eine große Aufgabe: nichts geringeres als den Weltfrieden zu schaffen und zu erhalten. Sie müssen ihn vor Feinden der pluralistischen Gesellschaft beschützen, ihnen stark entgegentreten. Das bedeutet im Fall der Trump-Wahl auch, nicht auf Kuschelkurs zu gehen. Es gibt etwas wichtigeres, als die Spaltung des Landes zu verhindern. Trumps Gegner im Wahlkampf dürfen ihm nun nicht das Feld überlassen, sie müssen ihm im Rahmen der Verfassung das Regieren so schwer wie möglich machen.

Und sie müssen die Menschen weiterhin bilden. So lange, bis sie keinen Hasspredigern mehr auf den Leim gehen. Denn ohne Schafe, die ihnen und ihren leeren Versprechungen blind folgen, haben auch die Trumps, Putins und Erdogans keine legetimie Macht.

Liebe EU, ich mache Schluss

Liebe EU,

wie habe ich mich in Dir getäuscht? Ich bin so dumm gewesen. Ich war 15 als ich mich in Dich verliebt habe, Deine Ideen, Deine Visionen. Jung und naiv bin ich gewesen. Ich hatte Träume – und Du warst die Hauptdarstellerin. Du wirktest frisch, aufregend. Du warst aufstrebend mit einer großen Zukunft. Der Verfassungsvertrag wurde unterschrieben, Dir schienen alle Türen offen zu stehen und ich wollte mit Dir hindurchschreiten.

Du warst dabei, Dich von der grauen Wirtschaftsunion zu etwas Größerem zu entwickeln. Du wolltest kein Fachidiot mehr sein, Du wolltest zur Wertegemeinschaft werden. In nicht allzu ferner Zukunft sah ich gar die Nationalstaaten ihre Souveränität an Dich abgeben. In meinen Träumen war es schon ganz nah. Aber Dir wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt, auf dir rumgehackt, Deine Arbeit niedergeredet, ins Lächerliche gezogen. Ich habe immer zu Dir gestanden. Ich habe gedacht, wenn wenigstens einer an Dich glaubt, wirst Du Dich entfalten können. Doch ich habe mich geirrt. Du stagnierst, entwickelst Dich zurück – und scheinst nichts dagegen tun zu wollen.

Du entwickelst Dich in die Richtung von Leuten, die Dir im Weg stehen wollen, entfernst Dich immer weiter Menschen, die Dich in aller Unperfektheit akzeptieren, lieben, die Dir vertrauen.

Ich habe oft gezweifelt, habe sie wieder weggewischt. Auch in den letzten Jahren, als Du täglich neue Menschenleben auf dem Gewissen hattest. Ich habe geglaubt, Du würdest Dich fangen, Dich besinnen. Das habe ich aufgegeben. Ich fühle mich von Dir betrogen, zwölf Jahre lang an der Nase herumgeführt. Meine Freunde haben mich gewarnt, doch ich war geblendet von einer Zukunft, die wir nun nie haben werden. Du bist nur eine Wirtschaftsunion und wirst niemals mehr sein. Du bist nicht stark genug, um Dich Deinen Gegnern zu stellen, hast nicht das Charisma, Dich ihnen entgegenzustellen. Du hast Dir in Deiner besten Zeit zu viel reinreden lassen und so an Bedeutung verloren.

Du hast Dich verändert. Du treibst Dich mit Leuten rum, die Dir vor einem Jahr ohne mit der Wimper zu zucken Griechenland genommen hätten, nur um sie aus der Euro-Zone zu bekommen, Dich aber trotz Verstößen gegen Deine moralischen Regeln nicht von der Last Ungarn befreien wollen. Du lässt das mit dir machen, weil Du Dich ihnen ergeben hast. Du bist eine Wirtschaftsunion, weil es der einfachste Weg ist – und damit will ich nicht noch mehr Zeit verschwenden.

Ich werde mich neu verlieben. Vielleicht erst in hohem Alter aber ich werde es. Ich träume schon von meinem neuen Schwarm: den Vereinigten Staaten von  Europa.

Selbstverantwortung? Och nö

Heute habe ich auf Facebook ein beeindruckendes Video gesehen. BILD hatte Aufnahmen des rumänischen Artisten Flaviu Cernescu, der in Targu Jiu auf einem 256 Meter hohen Kamin eines nie in Betrieb genommenen Kraftwerkes Kunststücke zeigt, sich dabei per Helmkamera und Drohne filmt, auf Facebook gepostet.

Meine ersten Gedanken waren: Hammer aufnahmen, aber nichts für mich. Zu riskant. Aber schön, dass es Menschen gibt, die mit genug Gleichgewichtssinn ausgestattet sind.

Umso überraschter war ich, als ich bei den unterschiedlichen „Gefällt mir“-Symbolen auch das Emoji für „wütend“ gesehen habe. Extrem viele User hatte dieses Video also wütend gemacht. So wütend, dass sie sogar einen Kommentar geschrieben haben.

„sehr schlechtes Vorbild für unsere Jugend , Denkt mal darüber nach BILD !!!!!“, schreibt einer, der auf seinem Profil ein Video gepostet hat, auf dem dem eine Frau minutenlang aus einem Maschinengewehr ballert. Ein anderer will wissen: „Wieso macht man sowas ?Andere Menschen verlieren ihr geliebtes Leben durch einen Unfall….Andere spielen mit ihrem Leben als wäre es etwas welches man im Supermarkt kaufen kann“. Ein anderer zweifelt gar an seiner Gesundheit: „Der junge Mann muss ADS haben. Anders kann man das nicht erklären. Er braucht Maxi -Herausforderungen und viiiel Aufmerksamkeit ! Er kann nur so leben.“ Der nächste „‚Der Typ scheint kein Hirn zu haben!‘ Das wäre passendere Überschrift für diesen Beitrag.“ Andere wollen so etwas gar nicht in die Öffentlichkeit gezogen sehen: „Wenn ein Unfall passiert, ist das Geschrei groß! Man spielt nicht mit seinem Leben! Übrigens, sollte gar nicht so viel Beachtung finden, *Vorbildfunktion*!, oder „Einfach Geisteskrank! Hoffentlich sehen das keine Kinder die das dann nachmachen möchten! Nervenkitzel hin- oder her, es gibt genug andere Möglichkeiten sich den zu holen!!!“

Insgesamt eine ganze Menge Anschuldigungen an den Artisten und die Zeitung – und selbstverständlich auch eine ganze Menge Ausrufezeichen.

Mir stellt sich die Frage: Warum können sich viele Menschen nicht mehr an außergewöhnlichen Leistungen erfreuen? Warum erwarten die Menschen, dass alle nach einem bestimmten Lebensentwurf glücklich werden müssen? Warum erwarten sie von einem Medium, so etwas zu verschweigen? Warum erwarten viele Menschen überhaupt immer, dass andere für sie und ihre Kinder verantwortlich sind? Und warum ist es so viel schlimmer, auf einem 256 Meter hohen Turm zu balancieren, als mit einem Gewehr herumzuballern?

Einzeln will ich auf diese Fragen nicht antworten. Aber eines ist klar: Viele Menschen, die so argumentieren, scheuen sich davor, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Sie wollen einen Lebensentwurf vorgesetzt bekommen, möglichst nicht selbst nachdenken, wollen, dass sie geschützt werden. Dabei ist es gar nicht so schwer. Wenn ich mich nicht an einem Arm an einem Reck festhalten kann, sollte ich das vielleicht nicht nicht in 256 Metern Höhe machen.

Es ist komplett der falsche Ansatz, einem Artisten die Leistung schlecht zu reden und den Medien ein Berichterstattungsverbot auszusprechen. Diese Menschen sollten lernen, sich selbst einzuschätzen. Selbst zu wissen, was für sie das Beste ist. Keiner zwingt sie auf diesen Kamin, keiner zwingt sie, sich das Video anzuschauen. Aber Meckern und Schlechtreden ist in diesem Fall komplett überflüssig.

Das beeindruckende Video und die geistigen Ergüsse der Nörgler gibt es hier.