Zigaretten-Schockbilder: Jeder Spuk flacht ab

Seit Ende Mai müssen Zigarettenschachteln in Deutschland mit sogenannten Schockbildern versehen werden. Da Tabakunternehmen aber bescheid wussten, produzierten sie vor. Ab Mitte Juli waren die Schachteln mit den großen Bildern dann in den Regalen und zugegeben: Der Rest Stil, den die Schachteln trotz Warnsprüchen ausstrahlten war weg. Das war tatsächlich ein Schock. Und ja, viele meiner Arbeitskollegen und auch ich suchten Wege, diese Bilder, nicht ständig sehen zu müssen. Ich holte mir ein Etui, bekam ein weiteres vom Späti-Mann meines Vertrauens geschenkt. Eine Kollegin holte sich eine Tabaktasche, eine andere steckte einfach eine zurechtgeschnittene Karte aus Pappe unter die Folie genau dorthin wo das Schockbild sitzt.

Bei genauerer Betrachtung erschloss sich mir aber: Längst nicht alle Bilder sind gruselig, schockierend schon gar nicht. Das Baby mit dem Zigarettenschnuller oder der Mann, der sein Kind auf dem Arm hält und anpustet haben eher etwas von Comedy. Der Baby-Sarg, der Asche-Embryo und der Mann in Fötusstellung sind eher abstrakt, verraten aber nichts Neues. Bei den Männern, die auf verschiedenen Bildern in Krankenhausbetten liegen, wird auch nicht zwingend deutlich, dass diese dort wegen ihres Zigarettenkonsums liegen – und ob Raucher tatsächlich ein größeres Risko zu erblinden haben, wie es einige Schachteln suggerieren, und um wie viel höher das Risiko ist, ist überhaupt nicht abschließend geklärt.

Bleiben noch die Körperlichen Bilder. Kaputte Zähne: nicht schön. Kaputter Fuß: Tatsächlich beängstigend, aber der kommt auch nicht über Nacht. Die Blut hustende Frau: Ja. Hat am Anfang schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Die Lungen-OP und das Loch im Hals: sind beides nicht bei einem kurzen Blick als solche zu erkennen.

Die Schockbilder mögen zu Beginn durch ihre Ankündigung tatsächlich etwas schockiert haben, doch das ist längst vorbei. Die Wirkung ist verflogen. Ich benutze meine Etuis längst nicht mehr. Zu umständlich, zu wenig Motivation bieten die wenig schrecklichen Bilder. Wir haben uns daran gewöhnt, wie wir uns an alles gewöhnen. Bei meiner Kollegin sind inzwischen die Pappkarten verschwunden. Alles ist beim Alten. Nur unansehnlicher sind die Schachteln. In meinem Umfeld aber kein bisschen unbeliebter.

„Abgehängte“ einbeziehen – aber Werte verteidigen

Seit Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, überschlagen sich deutsche Medien mit mindestens streitbarer Selbstkritik. Sie gestehen sich reihenweise in (Gast-)Kommentaren ein, jahrelang die sogenannten „Abgehängten“ nicht genügend beachtet zu haben. Und das ist wohl richtig. Nicht richtig ist der Selbstvorwurf der Arroganz, der Überheblichkeit, der Vorwurf in einer Blase zu leben.

Denn eine (Sub-)Kultur, in der von Gleichberechtigung unabhängig von Geschlecht, Religion und sexueller Orientierung zumindest geträumt wird, ist nicht nur eine Blase. Es sollte viel mehr eine Bewegung sein. Eine die wachsen muss und sich nicht zurückdrängen lassen darf.

Mit Wachsen ist hier keinensfalls Oktroyirung gemeint. Schließlich haben wir in Deutschland und den USA Demokratien – und hier kommt die Beschäftigung mit den „Abgehängten“ wieder ins Spiel. Natürlich muss man sich mehr um sie kümmern, natürlich muss man sich auch mit ihnen beschäftigen. Doch man sollte nicht, wie Populisten wie Trump, Petry und Le Pen es tun, ihnen nach dem Mund reden und Dinge versprechen, die so nicht realisierbar sind.

Diese Populisten sind es, die die vermeintliche Abgehängtheit der „Abgehängten“ ausnutzen, um Stimmen zu sammeln. Ihnen ist daran gelegen, dass sie weiter der Gesellschaft hinterherhinken, damit sie weiter genug Schafe für ihre Ziele haben. Aufrechte Demokraten sollten da nicht mitspielen. Sie sollten weiterhin nur im Rahmen das Möglichen agieren, die Gesellschaft aber mehr für Weltoffenheit sensibilisieren.

Es ist kein Geheimnis, dass den „Abgehängten“ mehr Optionen aufgezeigt werden müssen. Die Situation für Alleinerziehende muss verbessert, HatzIV angehoben, der Weg in den Arbeitsmarkt erleichtert werden, keine Frage. Aber all das darf eigentlich nichts mit der Ablehnung teilweise schon etablierter Werte zu tun haben. Arbeits- und Perspektivlosigkeit stehen in keinerlei Kausalität zur Homo-Ehe, zur Religionsfreiheit oder gleichen Löhnen von Mann und Frau. Niemand verliert etwas, wenn Männer Männer heiraten dürfen und diese dann gemeinsam ein Kind adoptieren. Niemand verliert etwas durch eine Moschee, eine Synagoge oder einen buddhistischen Tempel.

Die „Abgehängten“ wieder in die Gesellschaft zu holen, darf nicht heißen, selbst um 60, 70 oder 80 Jahre zurückzufallen. Es muss die Aufgabe sein, diese Menschen in die Welt von heute zu führen. Die Werte, die wir uns erarbeitet haben, müssen unverhandelbar sein.

Warum die Trump-Proteste demokratisch sind

Keine 24 Stunden war sicher, dass Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Ein Rassist. Ein Sexist. Ein homophober Chauvinist, der sich gar nicht mal so heimlich fragt, warum die USA die Atomwaffen nicht einsetzen.

Während er und seine politischen Gegner während der Stimmenzählungen wohl die gesamten Kreidereserven jenseits des Atlantiks aufgegessen haben, regt sich Protest in den US-Städten. Junge Menschen gehen auf die Straße, demonstrieren gegen ihren designierten Präsidenten. Prompt werden von seinen Unterstützern Stimmen laut, die die Demonstrationen als undemokratisch.

Dieser Eindruck ist jedoch falsch. Sie zweifeln das Ergebnis schließlich nicht an. Sie nehmen Trump als President Elect an, stellen aber klar: ‚mit seiner rückständigen Weltanschauung vertritt er mich in keinster Weise‘. Sie stellen sich nicht seiner Wahl entgegen, sie stellen sich ihm und seinen Positionen entgegen. Sie wollen ein Zeichen setzen, dass die Vereinigten Staaten nicht gleich Trump sind.

Auch aus Deutschland kommt Kritik an den Protesten: aus dem Lager der selbsternannten ‚besorgten Bürger‘, die mit der Wahl von Trump sehr zufrieden waren. Vergleichen die Trump-Proteste mit ihren „Merkel muss weg“-Demos. Doch der Vergleich hinkt. Während sich die Proteste, wie bereits erwähnt, in den USA gegen die mehrfach anschaulich dargelegten Weltanschauung des gewählten Präsidenten richten, haben die Anti-Merkel-Märsche eine andere, ziemlich dünne Grundlage. Unbewiesener- und absurderweise wird der Kanzlerin „Volksverrat“, „Umvolkung“ und der „Kampf gegen das eigene Volk“ vorgeworfen. Doch dafür gibt es keine Anzeichen. Sie rettete mit ihrer Grenzöffnung lediglich Hunderttausende Menschen vor großem Leid.

Trump hingegen machte keinen Hehl aus seinem Rassismus, seinem Sexismus und seiner Homophobie. Dagegen, dass ihr neuer Präsident diese Weltanschauung vertritt, gingen Hundertausende Amerikaner nun auf die Straße. Auch um ihm zu zeigen: Das werden wir nicht akzeptieren, dass können wir nicht akzeptieren, weil diese Weltanschauung unmenschlich ist.

Trump, Brexit, AfD: Der richtige Umgang fehlt

Großbritannien tritt aus rassistischen, egoistischen Beweggründen aus der EU aus. Der Tenor: Wir müssen damit leben. Die AfD eilt mit einem rassistischen Programm von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Aus dem politischen Berlin heißt es: Wir müssen damit leben. Seit Mittwoch steht fest: Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Glückwünsche kommen von Recep Tayyip Erdogan, Viktor Orban, Marine Le Pen, der AfD und Wladimir Putin. Aus der demokratischen Welt heißt es wieder: Wir müssen damit leben.

Doch das ist falsch. Richtig ist: Wir müssen es akzeptieren. Auch, wenn es nicht gefällt. All diese grausamen Entscheidungen sind auf der Basis der Demokratie getroffen worden. Dass sie sicher nicht auf der Basis der Vernunft getroffen wurden ist nur ein schwacher Trost. Daher müssen, ja dürfen wir auch nicht damit leben. Das ist zu passiv. Wir müssen damit aktiv umgehen.

Erstmal bleibt zu klären, wer denn das „wir“ ist. Das „wir“ sollten die Menschen sein, die längst als allgemeingültig betrachtete, aber offenbar nicht sonderlich verbreitete Werte vertreten. Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, religiöse Freiheit, sexuelle Freiheit. Das muss die Grundlage für Demokratie sein.

Von dieser Grundlage aus müssen sich die aufrechten Menschen den gewählten Hetzern entgegenstellen. Verhandlungen mit den Trumps, Orbans, Putins und Erdogans dieser Welt müssen mit aller Härte geführt werden. Zugeständnisse dürfen nicht hergeschenkt werden.

Die Tugend, die Kindern immer nahegelegt wird: „Der Klügere gibt nach“, darf nicht mehr gelten. Es ist nicht die Zeit für Höflichkeiten. Wohin wir kommen, wenn sich die Vernunftbegabten zurücklehnen, haben wir gesehen. Sie sind höflich, suchen Gespräche, machen ein Zugeständnis nach dem anderen. Die Polterer, die Populisten, die die niedersten Gelüste im Menschen ansprechen fahren die Erfolge ein. Der Klügere darf nicht nachgeben, der Klügere muss sich durchsetzen. Die Vernünftigen müssen den Hetzern klare Grenzen aufzeigen und der Bevölkerung die irrationalen Ängste nehmen.

Angst und Wut sind immer schlechte Begleiter, aber sie sind leicht zu schüren. Zu einfach ist es, zu behaupten: „Jemand bekommt etwas, warum du nicht?“ Das nagt. Das nagt an jedem einzelnen, aber es ist irrational. Genauso wie die Angst vor etwas, das einem anders erscheint. Da müssen die Vernünftigen eingreifen. Es bedarf mehr Bildung, viel mehr Bildung, um die Lücke zwischen den Vernünftigen und den Menschen mit beschränktem Horizont zu schließen.

Nur wer Fremdes nicht sofort mit Bedrohung assoziiert, lässt sich nicht von rassistischen, egoistischen Rattenfängern ködern und für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.

Die Vernunftbegabten haben eine große Aufgabe: nichts geringeres als den Weltfrieden zu schaffen und zu erhalten. Sie müssen ihn vor Feinden der pluralistischen Gesellschaft beschützen, ihnen stark entgegentreten. Das bedeutet im Fall der Trump-Wahl auch, nicht auf Kuschelkurs zu gehen. Es gibt etwas wichtigeres, als die Spaltung des Landes zu verhindern. Trumps Gegner im Wahlkampf dürfen ihm nun nicht das Feld überlassen, sie müssen ihm im Rahmen der Verfassung das Regieren so schwer wie möglich machen.

Und sie müssen die Menschen weiterhin bilden. So lange, bis sie keinen Hasspredigern mehr auf den Leim gehen. Denn ohne Schafe, die ihnen und ihren leeren Versprechungen blind folgen, haben auch die Trumps, Putins und Erdogans keine legetimie Macht.

Liebe EU, ich mache Schluss

Liebe EU,

wie habe ich mich in Dir getäuscht? Ich bin so dumm gewesen. Ich war 15 als ich mich in Dich verliebt habe, Deine Ideen, Deine Visionen. Jung und naiv bin ich gewesen. Ich hatte Träume – und Du warst die Hauptdarstellerin. Du wirktest frisch, aufregend. Du warst aufstrebend mit einer großen Zukunft. Der Verfassungsvertrag wurde unterschrieben, Dir schienen alle Türen offen zu stehen und ich wollte mit Dir hindurchschreiten.

Du warst dabei, Dich von der grauen Wirtschaftsunion zu etwas Größerem zu entwickeln. Du wolltest kein Fachidiot mehr sein, Du wolltest zur Wertegemeinschaft werden. In nicht allzu ferner Zukunft sah ich gar die Nationalstaaten ihre Souveränität an Dich abgeben. In meinen Träumen war es schon ganz nah. Aber Dir wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt, auf dir rumgehackt, Deine Arbeit niedergeredet, ins Lächerliche gezogen. Ich habe immer zu Dir gestanden. Ich habe gedacht, wenn wenigstens einer an Dich glaubt, wirst Du Dich entfalten können. Doch ich habe mich geirrt. Du stagnierst, entwickelst Dich zurück – und scheinst nichts dagegen tun zu wollen.

Du entwickelst Dich in die Richtung von Leuten, die Dir im Weg stehen wollen, entfernst Dich immer weiter Menschen, die Dich in aller Unperfektheit akzeptieren, lieben, die Dir vertrauen.

Ich habe oft gezweifelt, habe sie wieder weggewischt. Auch in den letzten Jahren, als Du täglich neue Menschenleben auf dem Gewissen hattest. Ich habe geglaubt, Du würdest Dich fangen, Dich besinnen. Das habe ich aufgegeben. Ich fühle mich von Dir betrogen, zwölf Jahre lang an der Nase herumgeführt. Meine Freunde haben mich gewarnt, doch ich war geblendet von einer Zukunft, die wir nun nie haben werden. Du bist nur eine Wirtschaftsunion und wirst niemals mehr sein. Du bist nicht stark genug, um Dich Deinen Gegnern zu stellen, hast nicht das Charisma, Dich ihnen entgegenzustellen. Du hast Dir in Deiner besten Zeit zu viel reinreden lassen und so an Bedeutung verloren.

Du hast Dich verändert. Du treibst Dich mit Leuten rum, die Dir vor einem Jahr ohne mit der Wimper zu zucken Griechenland genommen hätten, nur um sie aus der Euro-Zone zu bekommen, Dich aber trotz Verstößen gegen Deine moralischen Regeln nicht von der Last Ungarn befreien wollen. Du lässt das mit dir machen, weil Du Dich ihnen ergeben hast. Du bist eine Wirtschaftsunion, weil es der einfachste Weg ist – und damit will ich nicht noch mehr Zeit verschwenden.

Ich werde mich neu verlieben. Vielleicht erst in hohem Alter aber ich werde es. Ich träume schon von meinem neuen Schwarm: den Vereinigten Staaten von  Europa.

Selbstverantwortung? Och nö

Heute habe ich auf Facebook ein beeindruckendes Video gesehen. BILD hatte Aufnahmen des rumänischen Artisten Flaviu Cernescu, der in Targu Jiu auf einem 256 Meter hohen Kamin eines nie in Betrieb genommenen Kraftwerkes Kunststücke zeigt, sich dabei per Helmkamera und Drohne filmt, auf Facebook gepostet.

Meine ersten Gedanken waren: Hammer aufnahmen, aber nichts für mich. Zu riskant. Aber schön, dass es Menschen gibt, die mit genug Gleichgewichtssinn ausgestattet sind.

Umso überraschter war ich, als ich bei den unterschiedlichen „Gefällt mir“-Symbolen auch das Emoji für „wütend“ gesehen habe. Extrem viele User hatte dieses Video also wütend gemacht. So wütend, dass sie sogar einen Kommentar geschrieben haben.

„sehr schlechtes Vorbild für unsere Jugend , Denkt mal darüber nach BILD !!!!!“, schreibt einer, der auf seinem Profil ein Video gepostet hat, auf dem dem eine Frau minutenlang aus einem Maschinengewehr ballert. Ein anderer will wissen: „Wieso macht man sowas ?Andere Menschen verlieren ihr geliebtes Leben durch einen Unfall….Andere spielen mit ihrem Leben als wäre es etwas welches man im Supermarkt kaufen kann“. Ein anderer zweifelt gar an seiner Gesundheit: „Der junge Mann muss ADS haben. Anders kann man das nicht erklären. Er braucht Maxi -Herausforderungen und viiiel Aufmerksamkeit ! Er kann nur so leben.“ Der nächste „‚Der Typ scheint kein Hirn zu haben!‘ Das wäre passendere Überschrift für diesen Beitrag.“ Andere wollen so etwas gar nicht in die Öffentlichkeit gezogen sehen: „Wenn ein Unfall passiert, ist das Geschrei groß! Man spielt nicht mit seinem Leben! Übrigens, sollte gar nicht so viel Beachtung finden, *Vorbildfunktion*!, oder „Einfach Geisteskrank! Hoffentlich sehen das keine Kinder die das dann nachmachen möchten! Nervenkitzel hin- oder her, es gibt genug andere Möglichkeiten sich den zu holen!!!“

Insgesamt eine ganze Menge Anschuldigungen an den Artisten und die Zeitung – und selbstverständlich auch eine ganze Menge Ausrufezeichen.

Mir stellt sich die Frage: Warum können sich viele Menschen nicht mehr an außergewöhnlichen Leistungen erfreuen? Warum erwarten die Menschen, dass alle nach einem bestimmten Lebensentwurf glücklich werden müssen? Warum erwarten sie von einem Medium, so etwas zu verschweigen? Warum erwarten viele Menschen überhaupt immer, dass andere für sie und ihre Kinder verantwortlich sind? Und warum ist es so viel schlimmer, auf einem 256 Meter hohen Turm zu balancieren, als mit einem Gewehr herumzuballern?

Einzeln will ich auf diese Fragen nicht antworten. Aber eines ist klar: Viele Menschen, die so argumentieren, scheuen sich davor, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Sie wollen einen Lebensentwurf vorgesetzt bekommen, möglichst nicht selbst nachdenken, wollen, dass sie geschützt werden. Dabei ist es gar nicht so schwer. Wenn ich mich nicht an einem Arm an einem Reck festhalten kann, sollte ich das vielleicht nicht nicht in 256 Metern Höhe machen.

Es ist komplett der falsche Ansatz, einem Artisten die Leistung schlecht zu reden und den Medien ein Berichterstattungsverbot auszusprechen. Diese Menschen sollten lernen, sich selbst einzuschätzen. Selbst zu wissen, was für sie das Beste ist. Keiner zwingt sie auf diesen Kamin, keiner zwingt sie, sich das Video anzuschauen. Aber Meckern und Schlechtreden ist in diesem Fall komplett überflüssig.

Das beeindruckende Video und die geistigen Ergüsse der Nörgler gibt es hier.

Rostock kapituliert vor rechtsxtremem Terror

Es ist natürlich erstmal nobel, wenn Entscheidungen getroffen werden, die Schutzsuchende schützen. Doch die Entscheidung, die jüngst in Rostock getroffen wurde, ist eine fatale. Im Stadtteil Groß Klein – unweit des geschichtsträchtigen Lichtenhagen – sollten Flüchtlinge in eine Plattenbausiedlung einziehen. Das hat die Stadt nun auf Anraten der Polizei gestoppt. Die Sicherheitslage sei zu angespannt.

Was erstmal gut klingt, da Flüchtlinge nicht dem rechten Mob vorgeworfen werden sollen, ist auch eine Kapitulation vor den Rostocker Rechtsextremisten. Bereits im Juli war eine Unterkunft mit Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach rechten Protesten geräumt worden. Das ist dramatisch. Nun haben Hetzer ihre Bestätigung. Ist ihre Drohkulisse groß genug, bekommen sie Recht. Das ist ein Mittel, dem sich Terroristen bedienen. Das kann nicht die Lösung sein.

Eine Lösung wäre es, die Flüchtlingsfamilien tatsächlich in den Plattenbau in Groß Klein einziehen zu lassen und ihn endlich einmal richtig zu schützen. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern müssten sich Polizisten finden lassen, die nicht in die Wutbürger- oder Neonazi-Szene involviert sind und das Gebäude und die Bewohner vor Angriffen schützen.

Es wäre ein politisches Zeichen von Stadt und Land, zu zeigen: Wir schaffen das und wir wollen es auch schaffen. Wir lassen uns nicht von rechtsradikalen Hetzern erpressen und ziehen unsere Pläne durch – und stellen, da das Klima aufgeheizt ist, Polizisten vor das Gebäude und schützen die Bewohner auf diese Weise.

Allein: Es wird wohl nicht so kommen. Die Flüchtlingsfamilien werden länger in Notunterkünften wohnen müssen, ehe eine neue Immobilie gefunden ist. Gegen die wird es wieder Drohungen geben und dann liegt es erneut an den Entscheidungsträgern in Rostock. Kapitulieren oder endlich einmal klare Kante gegen Rassisten zeigen, wie es Vereine und Gruppen in Mecklenburg-Vorpommern fast ohne Unterstützung aus den Parlamenten seit Jahren tun.

Der Brexit ist eine Katastrophe

Flag_of_Europe.svg

Foto: Wiki Commons

Ich habe keine Ahnung von Wirtschaft. Das möchte ich im Moment auch gar nicht. Experten haben im Vorfeld gewarnt, Experten malen nun, da der Brexit scheinbar vom britischen Ü50-Volk gewünscht ist, düstere Zukunftsbilder.

Doch mir geht es nicht um Märkte. Ich habe die EU nie primär als Wirtschaftszone gesehen. Für mich war und ist sie noch eine Wertegemeinschaft. Eine Gemeinschaft der Menschlichkeit, eine Gemeinschaft, in der sich Staaten gegenseitig helfen, eine Gemeinschaft, die Integration unter vermeintlich verschiedenen Völkern vorantreibt, Vorurteile abbaut und Europa eines Tages nach vielen Kompromissen zu einem souveränen Staatenbund einen kann.

Dieser Traum ist nun in weite Ferne gerückt. 51,9 Prozent der Briten die ihre Stimme abgegeben haben, wollten die EU verlassen – oder wenigstens David Cameron eins auswischen. Sie wollten keine Zuwanderung aus EU-Staaten, sie wollten nicht zusammenwachsen, sie wollten keine gemeinsamen Richtlinien. Aber genau das macht die EU aus. Das ist es, was Europäische Integration meint: Zusammenarbeit und die Überwindung von willkürlichen Grenzen.

Diese Idee hat nun einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Es ist eine Katastrophe – und selbst ein Träumer wie ich, der einst gehofft hatte, dass auf der Geburtsurkunde seiner Kinder ‚Staatsangehörigkeit: Europäische Union‘ stehen wird, kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass das nur der Anfang vom Ende sein könnte.

Wie EU-feindlich auch andere Staaten eingestellt sind, zeigen die Wahlen in den vergangenen Jahren. Von der europäischen Idee in in Polen oder Ungarn längst nichts mehr über. Lediglich die empfangenen Zahlungen werden mit Wohlwollen aufgenommen. Nationalismen bestimmen die politische Debatte nicht erst seit die Zahl der Schutzsuchenden in Europa im vergangenen Sommer angestiegen ist. Bereits im Rahmen der europäischen Finanzkrise zeigten die Europäer ihr wahres Gesicht. Unwillig, Hilfen für das finanziell marode Griechenland zu leisten, zeigten die Staats- und Finanzchefs der Geberländer gegenüber der neu gewählten Regierung Härte, diktierte ihnen Sparauflagen, die zu großen Teilen den Sozialsektor betrafen. Das kam freilich bei den Bürgern der sich renationalisierenden Staaten der EU gut an, hat aber nichts mehr mit der Europäischen Idee eines friedlichen Miteinanders zu tun. Meine EU stelle ich mir anders vor.

Und doch will ich den Traum noch nicht begraben. Großbritannien ist raus, doch vielleicht gilt das nicht für die ganze Insel. Die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon sieht Schottland, wo sich die Wähler mit 62 Prozent für einen Verbleib in der EU ausgesprochen haben, auch zukünftig als Teil der Europäischen Union, will einen neuen Anlauf in Richtung Abkehr von Großbritannien wagen.

Die Idee von Europa ist noch nicht tot, aber wir müssen sie mehr denn je pflegen und endlich die Nationalismen überwinden.

Die Torte für Sahra Wagenknecht

Zu allererst, bevor noch Missverständnisse aufkommen. Ich lehne jegliche Gewalt, auch die durch Torten, als Mittel des politischen Diskurses ab. In einer zivilisierten Welt sollten Konflikte mir Worten, nicht mir Torten ausgetragen werden. Daher hat jedes einzelne Opfer dieser sinnlosen, ja dummen und destruktiven „Protestaktionen“ mein Mitgefühl.

Und dennoch: Die Torte für Sahra Wagenknecht holt die AfD aus der Opferrolle, in die sie sich als Teil ihrer Wähler-Akquise immer wieder begibt. Dieser – ich wiederhole mich – verabscheuungswürdige Angriff auf Beatrix von Storch im Februar galt eben nicht der Person oder ihrer Partei. Er galt den fremdenfeindlichen Aussagen, den menschenfeindlichen Parolen, der rassistischen Linie, die von Storch und ihre Partei ausmachen. Das zeigt die Torte für Linke-Politikerin Wagenknecht. Sie wurde ihr für ihre harte Linie in der Flüchtlingspolitik zuteil. Erst vor den Landtagswahlen im März schwadronierte sie von „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“.

Torten verteilt diese „Aktionsgruppe“ also nicht pauschal, sie verteilt sie für Rassismus. Niemand keilt gegen die AfD, weil es eine neue Partei ist. Grundsätzlich hat niemand etwas gegen eine neue Partei. Neue Parteien können durchaus frischen Wind in das Gefüge bringen. Niemand keilt gegen Beatrix von Storch, weil sie möglicherweise keine nette Person sein könnte. Es geht einzig und allein um die politische Ausrichtung. Dagegen richten sich die Demonstrationen, die Warnungen, die Essays.

Auch ich finde es nicht grundsätzlich dramatisch, wenn sich eine neue Partei gründet. Auch ich habe nichts dagegen, wenn sich eine Frau von Adel in der Politik von heute versuchen möchte. Aber ich habe etwas gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Ich habe etwas dagegen, dass Menschen, die durch Zufall in Land A geboren sind, als etwas besseres angesehen werden oder besser behandelt werden sollen, als Menschen, die in Land B geboren sind. Ich habe etwas dagegen, dass eine gesamte Glaubensgemeinschaft (schon wieder) unter Generalverdacht gestellt wird. Ich habe etwas dagegen, dass es ein politisches Konzept ist, geistig und materiell arme Menschen, mit Halb- und Unwahrheiten zu manipulieren, damit man an Macht gelangt. Ich habe etwas dagegen, in Eigenbrötlerei zu versinken, wenn es mit einem offenen einigen Europa etwas schönes, etwas großes gibt, für das es sich zu kämpfen und Nationalstaaten aufzulösen lohnt. Ich habe etwas dagegen, Menschen vorzuschreiben, wen sie heiraten dürfen.

Ja, ich habe etwas gegen die politische Ausrichtung der AfD, aber mir dreht es ebenso bei vielen Aussgagen von Sahra Wagenknecht den Magen um. Es geht nicht um Personen oder Parteien. Es geht um Positionen und die darf man angreifen – aber eben nicht mit Torten.

Das perverseste Bundeswehr-Plakat

Die „Mach was wirklich zählt“-Kampagne der Bundeswehr wurde bereits vielfach kritisiert. Dank des Peng-Kollektivs wurden der Plakat-Aktion die Schwächen aufgezeigt, die Lügen, das Verschweigen, was Krieg wirklich bedeutet.

Neulich sah ich allerdings in der U-Bahn ein Plakat, das mich wirklich wirklich wütend machte.

machwaswirklichzaehlt-kampagnenmotiv-10-data

(c) Bundeswehr

Was will die Bundeswehr damit sagen? Auf den ersten Blick denke ich, die Botschaft des Posters ist: Wenn du dir selbst nichts wert bist und nichts mit dir anzufangen weißt, kannst du auch für ‚dein‘ Land sterben.

Die Bundeswehr will das freilich so nicht sagen. Mit dem Bild im Hintergrund stellen sie die Bundeswehr einmal mehr wie einen Abenteuerspielplatz dar, als Ferienlager, wo junge Leute, vorwiegend Männer gemeinsam gute Laune haben können. Sie sprechen damit allerdings auch scheinbar von der Gesellschaft abgehängte Menschen an, die den Glauben an sich selbst verloren haben und bieten eine kollektive Identität – und Macht durch Schusswaffen.

Klar ist: Mit diesem Plakat zielt die Bundeswehr genau auf ihre Zielgruppe. Sozialschwache junge Männer, die auf nichts stolz sein können als ‚ihr‘ Land und vor der Wahl stehen, illegal Bomben für eine Bürgerwehr zu bauen oder von staatesgnaden an der Schusswaffe ausgebildet zu werden. Menschen, die sich wirklich nicht zu schade sind, für ‚ihr‘ Land zu sterben.

Natürlich braucht die Bundeswehr die Bereitschaft, in den Tod zu gehen, denn das ist die Aufgabe einer Armee im klassischen Sinne: Menschen töten und in Kauf nehmen, getötet zu werden. Doch die Bundeswehr sollte trotzdem aufpassen, was für Lebensmüde sie sich in die Kaserne holt. Noch mehr an der Waffe ausgebildete Soldaten wie Obergefreiter Mundlos braucht die Bundesrepublik nicht.

Während die Bundeswehr darüber nachdenkt, könnte sie auch eine neue Kampagne entwerfen. Eine, die nicht mehr als 10 Millionen Euro verschlingt, nicht täuscht und nicht darauf abzielt, verwirrte Bürgerwehrler an die Waffe zu bringen.