Selbstverantwortung? Och nö

Heute habe ich auf Facebook ein beeindruckendes Video gesehen. BILD hatte Aufnahmen des rumänischen Artisten Flaviu Cernescu, der in Targu Jiu auf einem 256 Meter hohen Kamin eines nie in Betrieb genommenen Kraftwerkes Kunststücke zeigt, sich dabei per Helmkamera und Drohne filmt, auf Facebook gepostet.

Meine ersten Gedanken waren: Hammer aufnahmen, aber nichts für mich. Zu riskant. Aber schön, dass es Menschen gibt, die mit genug Gleichgewichtssinn ausgestattet sind.

Umso überraschter war ich, als ich bei den unterschiedlichen „Gefällt mir“-Symbolen auch das Emoji für „wütend“ gesehen habe. Extrem viele User hatte dieses Video also wütend gemacht. So wütend, dass sie sogar einen Kommentar geschrieben haben.

„sehr schlechtes Vorbild für unsere Jugend , Denkt mal darüber nach BILD !!!!!“, schreibt einer, der auf seinem Profil ein Video gepostet hat, auf dem dem eine Frau minutenlang aus einem Maschinengewehr ballert. Ein anderer will wissen: „Wieso macht man sowas ?Andere Menschen verlieren ihr geliebtes Leben durch einen Unfall….Andere spielen mit ihrem Leben als wäre es etwas welches man im Supermarkt kaufen kann“. Ein anderer zweifelt gar an seiner Gesundheit: „Der junge Mann muss ADS haben. Anders kann man das nicht erklären. Er braucht Maxi -Herausforderungen und viiiel Aufmerksamkeit ! Er kann nur so leben.“ Der nächste „‚Der Typ scheint kein Hirn zu haben!‘ Das wäre passendere Überschrift für diesen Beitrag.“ Andere wollen so etwas gar nicht in die Öffentlichkeit gezogen sehen: „Wenn ein Unfall passiert, ist das Geschrei groß! Man spielt nicht mit seinem Leben! Übrigens, sollte gar nicht so viel Beachtung finden, *Vorbildfunktion*!, oder „Einfach Geisteskrank! Hoffentlich sehen das keine Kinder die das dann nachmachen möchten! Nervenkitzel hin- oder her, es gibt genug andere Möglichkeiten sich den zu holen!!!“

Insgesamt eine ganze Menge Anschuldigungen an den Artisten und die Zeitung – und selbstverständlich auch eine ganze Menge Ausrufezeichen.

Mir stellt sich die Frage: Warum können sich viele Menschen nicht mehr an außergewöhnlichen Leistungen erfreuen? Warum erwarten die Menschen, dass alle nach einem bestimmten Lebensentwurf glücklich werden müssen? Warum erwarten sie von einem Medium, so etwas zu verschweigen? Warum erwarten viele Menschen überhaupt immer, dass andere für sie und ihre Kinder verantwortlich sind? Und warum ist es so viel schlimmer, auf einem 256 Meter hohen Turm zu balancieren, als mit einem Gewehr herumzuballern?

Einzeln will ich auf diese Fragen nicht antworten. Aber eines ist klar: Viele Menschen, die so argumentieren, scheuen sich davor, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Sie wollen einen Lebensentwurf vorgesetzt bekommen, möglichst nicht selbst nachdenken, wollen, dass sie geschützt werden. Dabei ist es gar nicht so schwer. Wenn ich mich nicht an einem Arm an einem Reck festhalten kann, sollte ich das vielleicht nicht nicht in 256 Metern Höhe machen.

Es ist komplett der falsche Ansatz, einem Artisten die Leistung schlecht zu reden und den Medien ein Berichterstattungsverbot auszusprechen. Diese Menschen sollten lernen, sich selbst einzuschätzen. Selbst zu wissen, was für sie das Beste ist. Keiner zwingt sie auf diesen Kamin, keiner zwingt sie, sich das Video anzuschauen. Aber Meckern und Schlechtreden ist in diesem Fall komplett überflüssig.

Das beeindruckende Video und die geistigen Ergüsse der Nörgler gibt es hier.

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Ad-Blocker nutzen ist wie beim Bäcker klauen

Wir alle wolle Infos, Nachrichten. Möglichst schnell. Möglichst kostenlos. Wie die Nachrichtenunternehmen dabei Geld verdienen scheint uns egal. Sie haben genau zwei Möglichkeiten: Paid Content und Werbung. Doch das stößt bei den Nachrichtenhungrigen auf wenig Gegenliebe. Artikel, die hinter eine Paywall versteckt wurden, werden einfach von Gemeinschafts-Accounts aufgerufen, in Foren, Blogs oder auf Facebook kopiert. Das dauert nicht lange. Die Einnahmen, die durch die ehrlichen Menschen generiert werden, reichen nicht. Also muss das Defitiz durch Werbung ausgeglichen werden. Klingt logisch. Radio, Fernsehen und auch die althergebrachte Zeitung machen es nicht anders. Doch anders als bei den anderen Medien sträuben sich viele Nutzer hier partout, das notwendige Übel für gut recherchierte Nachrichten zu ertragen. Weiterlesen

#BoycottGermany ist destruktiv

Keine Frage: Das sogenannte Agreekment wurde den Griechen aufgezwungen. Weiterhin bleibt aber die Frage offen, ob diese dramatischen Sparmaßnahmen überhaupt den gewünschten Erfolg bringen. Ohne Investitionen wird es nicht gehen. Doch woher sollen die kommen? Diese Diskussion ist aber nun erstmal auf Eis gelegt. Schließlich ist ein Plan – sofern er durch die Staatsparlamente kommt – beschlossen. Die wichtigste Info ist: Es geht erst mal weiter. Griechenland bleibt im Euro. Es gibt neue Hilfen. Das ist allerdings angesichts des Spardiktats auch die einzige positive Nachricht.

Entsprechend groß war die Enttäuschung, die Wut, über die selbstherrliche Verhandlungsweise der deutschen Regierung. Doch ein Netz-Trend geht deutlich zu weit. Der Hashtag #BoykottGermany steht mindestens genauso konträr zum europäischen Gedanken wie das Austeritätsprogramm für Griechenland. Weiterlesen

Wenn „gute Deutsche“ kein Deutsch beherrschen

Seit Juni 2014 sammelt Michael A.

Seit Juni 2014 sammelt Michael A. „Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern“

Die deutsche Sprache ist schön, die deutsche Sprache ist schwer. Drei Geschlechter, vier Fälle und so viele Unregelmäßigkeiten, dass es dem durchschnittlichen Kleingartensiedlungsaufseher zu viel wird. Da ist es kaum verwunderlich, dass Nichtmuttersprachler so ihre kleineren Probleme haben – allerdings sind sie damit nicht allein. Paradoxerweise sind gerade unter den selbsternannten Kulturschützern aus dem Dunstkreis von AfD, NPD und Pegida bemerkenswert viele, die es nicht fertig bringen, einen geraden, geschweige denn fehlerfreien Satz zu formulieren. Weiterlesen

Der Tag der Tage

Heute war es endlich so weit. Besser gesagt, es sollte eigentlich so weit sein: Seit ein paar Stunden gilt die neue Datenschutzrichtlinie bei Facebook. Anhand meines Surfverhaltens, meiner Facebook- und Instagramposts sollte mir endlich Werbung angezeigt werden, die besser auf mich zugeschnitten ist, fast genau wie bei meinem Lieblingskioskmann, der genau weiß, welche Zigaretten ich möchte. Aufgeregt ging ich am Morgen zu meinem Laptop, wähnte mich schon im Konsumhimmel. Weiterlesen