Wir brauchen Deutschland nicht mehr

Europa war stets geprägt von Kleinstaaterei – und selbstverständlich Kriegen dieser Kleinstaaten untereinander. Doch das ist längst vorbei. Seit 1945 gibt es Frieden in Westeuropa, seit 1990 auf dem ganzen Kontinent. Seit 27 Jahren herrscht abgesehen von der ein oder anderen russischen Aggression in der Ukraine und Georgien Frieden in Europa, in der EU sogar ohne Ausnahme.

Es wird also Zeit, sich die Frage zu stellen: Brauchen wir die Nationalstaaten noch? Ich würde das zumindest für die EU verneinen. Der Nationalstaat innerhalb der EU ist obsolet. Das zeigt ein allein ein kurzes Überfliegen verschiedener Staatstheorien.

In der Theorie haben Menschen einen Teil ihrer Freiheit im Naturzustand aufgegeben, um mehr Sicherheit zu bekommen. Damit ist in erster Linie die innere Sicherheit gemeint. Der Staat sollte Regeln für das Zusammenleben aufstellen. Hinzukommt die äußere Sicherheit. Schließlich galt es, den inneren Frieden abzusichern. Das sind die wesentlichen Merkmale, die ein Großteil der Theorien gemein haben.

Nun ist die Frage: Ist die innere Sicherheit in Deutschland wirklich durch Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, Italien, Frankreich oder die Benelux-Staaten gefährdet? Nein. Ist sie nicht. Sie ist sogar eher dadurch gefährdet, dass die inneren Sicherheitsbehörden der EU-Kleinstaaten oftmals ihr eigenes Süppchen kochen und eben nicht eng genug zusammenarbeiten.

Die Sicherheit würde also durch eine Aufgabe der Souveränität der EU-Kleinstaaten keinesfalls gefährdet, denn schon jetzt muss Dänemark nicht befürchten, dass Deutschland dort mit Panzern einmarschiert und auch Kroatien muss keine spanischen Bombenangriffe fürchten. Die innere Sicherheit, die in den Staaten der EU auf den gleichen Grundsätzen beruht, könnte durch eine grenzenlose Vernetzung sogar besser funktionieren.

Selbstverständlich bedarf es vieler Verhandlungen, denn mit der Aufgabe der nationalen Souveränitäten ist es nicht getan. Die Kleinstaaten innerhalb der EU haben sich auch die sinnvolle Aufgabe gestellt, Sozialstaaten zu sein – jedoch in unterschiedlicher Ausprägung. Diese müssten in einem europäischen Staatsgründungsvertrag verhandelt und vereinheitlicht werden. Rente, Arbeitslosengeld, Krankenversicherung. Die Wahl des europäisches Parlamentes müsste angepasst, die einzelnen Bundesstaaten und Regierungsbezirke vielleicht neu aufgeteilt werden. Ein ganzer Haufen Arbeit, der aber nicht abschrecken sollte. Schließlich würde ein einheitlicher EU-Staat Neiddebatten unter vermeintlich verschiedenen Nationen abschwächen. Und ehrlich gesagt: Wenn sich die EU und Großbritannien nun zwei Jahre lang mit einem komplett unnötigen Austritt beschäftigen können, dann können sich die übrigen Mitgliedsstaaten auch inhaltlich mit einem Staatsvertrag und dem Ende der europäischen Kleinstaaterei befassen.

Das klein-klein in Europa ist nicht mehr zeitgemäß. Sie haben ihre Aufgabe in der Entwicklung der Menschheit erfüllt, aber nun gibt es keinen Grund mehr, weiter an ihnen festzuhalten. Italien, Spanien, die Niederlande: Alles sind Teile Europas und es wird Zeit, dass sie in etwas größerem aufgehen. So wie einst Bayern, Sachsen und Preußen in Deutschland aufgingen.

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Rentenprogramm der SPD: Gute Idee, schlechte Präsentation

Am Mittwoch haben SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und Arbeitsministerin Andrea Nahles die Eckpfeiler des Rentenprogramms vorgestellt, mit dem die Sozialdemokraten in die Bundestagswahl ziehen wollen. Und ich muss sagen: Ich persönlich bin überzeugt. Es bringt Verbesserungen, ohne unrealistisch zu wirken. Eine umsetzbare Verbesserung. Rund um, ein gutes Paket, das ich mir für Deutschland wünschen würde.

Doch als ich am Donnerstag noch einmal etwas auf der SPD-Homepage nachlesen wollte, war ich verdutzt. Nur wenige Punkte des Programms dürfen für sich sprechen. Viele mehr sind den Forderungen der Union gegenübergestellt. Das halte ich für falsch.

Die SPD muss sich endlich vom augenscheinlich übermächtigen Koalitionspartner lösen. Ein Vergleich mit dem Seniorpartner der Groko, der seit 12 Jahren regiert, kann kaum gut ausgehen. Die SPD muss das Selbstbewusstsein entwickeln, endlich wieder für sich selbst zu stehen.

Natürlich darf man darauf hinweisen, dass sich das eigene Konzept grundlegend von dem der Union unterscheidet, sich aber komplett daran abzuarbeiten, macht keinen Sinn. Es wirkt wie ein Kerl, der seine neue Freundin immer wieder mit seiner Ex vergleicht: Unsicher und schwach.

Die SPD ist angetreten um Deutschland wieder gerechter zu machen, mit Martin Schulz konnten sie einen Kandidaten präsentieren, der der Sozialdemokratie wieder Selbstvertrauen und Stolz gibt. Dieses Selbstbewusstsein muss sich jetzt aber schleunigst auf die Präsentation des Programms niederschlagen. Sonst führt die SPD keinen unabhängigen Wahlkampf, sondern den eines Juniorpartners.

Liebe Demokratie, Du hast es nicht leicht

Ich bewundere Dich, liebe pluralistische Demokratie. Du hast mir den Start ins Leben auf eine Art und Weise ermöglicht, wie es besser nicht hätte sein können. Du hast es mir erlaubt, mich auszuprobieren, mir die Haare zu färben, mich politisch zu bilden. Du hast mir eine Fülle von Büchern und Zeitungen zur Verfügung gestellt. Du hast mich auf Demonstrationen gehen lassen. Ich durfte studieren und den Job wählen, auf den ich Lust hatte. Ich durfte immer meine Meinung sagen, sie aufschreiben. Es gab keine Sperrstunden. Ich war frei. Ich hatte alle Möglichkeiten. Ich danke Dir.

Du tust mir leid, liebe pluralistische Demokratie. Du warst für mich offen und Du bist für jeden offen. Auch für diejenigen, die Dich ausnutzen. Für diejenigen, die Dir schaden wollen. Du lässt sie gewähren, denn so bist Du. Du hältst viel aus, bist geduldig, selbst wenn immer mehr Menschen Dir gegenüber nicht fair sind. Durch Dich können sie sich organisieren, jeden Montag hetzend durch die Straßen ziehen, mit einer rechtsextremen Partei in Parlamente einziehen, gewählte Politiker nach Sibirien wünschen und sogar ein wenig versteckt den Holocaust leugnen.

Ich habe Respekt vor Dir, liebe pluralistische Demokratie. Weil Du das zulässt. Ich bin ehrlich: Ich muss mir bei jedem rechten Aufmarsch, bei jedem Redebeitrag eines Björn Höcke auf die Zunge beißen. Du kannst das aushalten. Du hältst das aus. Sorgst sogar dafür, dass die Rechtsextremen ihre Versammlungen abhalten dürfen. Denn dafür bist Du da. Und dennoch zweifeln sie immer an Dir, wenn ihnen gerade etwas nicht passt. Ihre Proteste sehen sie von Dir gedeckt, Proteste gegen ihre menschenverachtende Ideologie bezeichnen sie als faschistisch. Sie beleidigen Dich, verhöhnen Dich, vergleichen Dich mit Deinem verkommenen schnauzbärtigen Bruder: dem Faschismus.

Ich warne Dich vor ihnen, liebe pluralistische Demokratie. Sie werden Dir an die Wäsche wollen. In der Türkei haben sie Dich schon vergewaltigt, in Polen, Russland und Ungarn sind sie gerade dabei, in Frankreich und Deutschland lauern sie. Sie zweifelnd an den Freiheiten, die Dich ausmachen, sie hadern damit, wollen sie beseitigen und damit Dich. Doch Du wirst sie aushalten. Das liegt in Deiner Natur.

Du hast es nicht leicht, liebe pluralistische Demokratie. Doch wir werden Dich beschützen. Wir werden tun, was wir können. Das sind wir Dir schuldig.

NPD-Verbotsverfahren: Zu spät und gefährlich

Nun also doch. Das Bundesverfassungsgericht hat ein neuerliches NPD-Verbotsverfahren eingeleitet. Am 1. März soll die erste mündliche Verhandlung stattfinden. Damit kommen die Verfassungshüter viele Jahre zu spät.

Seit das letzte Verbots-Verfahren eingestellt wurde, weil der Verfassungsschutz zu sehr in die Parteispitze involviert war, ist viel passiert. Inzwischen ist es der nicht weniger rechtsradikalen AfD gelungen, eine feste Größe in der deutschen Parteienlandschaft zu werden. Auch, weil es die NPD in diesen Jahren noch gab. Immer konnten die Spitzen der AfD auf die vermeintlich weiter rechts stehende NPD verweisen, sich selbst einen lediglich konservativen, halbwegs demokratischen Anstrich geben. Das gelang, weil die NPD deutlich aggressiver wirkte und auch weil aus den Reihen der CSU immer wieder Parolen kamen, die denen der AfD gar nicht so unähnlich waren.

Die AfD hat es mit dieser scheinbaren Abgrenzung geschafft, Weltanschauung und Mythen der NPD salonfähig zu machen. Rassismus, Hass auf die sogenannten „Altparteien“, Hass auf die „Lügenpresse“. All das findet sich in der Rhetorik beider Parteien und anderer im Windschatten der NPD erstarkter Gruppen wie Pegida wieder.

Das ist der Stand aus der Vergangenheit. Das NPD-Verbotsverfahren ist Gegenwart und das birgt große Gefahren für die Zukunft. 2017 wird gewählt Die NPD hatte in den vergangenen drei Jahren stets den Vorteil für die Demokratie, dass sie das rechte Lager ein wenig spaltete. Sollte die NPD verboten werden, haben die rechtsradikalen Wähler in Deutschland eine einzige Anlaufstation: die AfD – und die steht in Umfragen ohnehin schon erschreckend gut da.

Außerdem ist zu befürchten, dass das berechtigte und eigentlich längst überfällige Verfahren gegen die verfassungsfeindliche NPD von ihren natürlichen Verbündeten von AfD und Pegida für ihre Zwecke missbraucht wird. Es wird mit großer Sicherheit als Machterhaltungs-Maßnahme einer vermeintlich gleichgeschalteten Politik dargestellt und im Wahlkampf missbraucht werden. Traurig aber wahr.  Eigentlich darf sich der freie Rechtsstaat von derartigen Drohgebärden aus der rechtsradikalen Verschwörungsszene nicht einschüchtern lassen. In der politisch labilen Situation in ganz Europa muss man aber die unterschiedlichen Gefahren abwägen.

Ich denke, dass ein NPD-Verbot dem Schutz der Verfassung derzeit mehr schadet, als wenn die Partei weiter bestehen bleibt und der ebenso verfassungsfeindlichen AfD Stimmen klaut. Ein Verbot ist zwar richtig, aber in der aktuellen Situation völlig fehl am Platz.

Tag der Deutschen Einheit: Das ist der blanke Hohn

Das hat gerade noch gefehlt. Der Tag der Deutschen Einheit. Grundsätzlich ist das freilich ein Grund zur Freude. Der pseudo-sozialistische Unrechtsstaat DDR wurde aufgelöst und trat nun endlich der BRD bei. Doch irgendwie haben die Feierlichkeiten und Lobhudeleien auf Deutschland einen faden Beigeschmack. Überall wird gefeiert. Die Freiheit beschworen. Deutschland endlich eins und doch wirkt das Feiern offener, ja abgeschaffter Grenzen in der heutigen Zeit wie der blanke Hohn für all die Flüchtlinge, die in Ungarn auf Zäune und in Deutschland auf einen Bayerischen Heimatminister treffen, der über Zäune nachdenkt. Da tauchen Fragen auf. Weiterlesen

Auschwitz-Prozess: Hoffnung auf mehr

Das Urteil im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist gesprochen. Der inzwischen 94-jährige SS-Mann wurde wegen der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Ein vergleichsweise mildes Urteil – gerade wenn man bedenkt, dass er seine Strafe aus gesundheitlichen Gründen gar nicht antreten muss. Und dennoch: Wichtiger als das Urteil war der Prozess an sich. Weiterlesen

„Du hast mein Land beleidigt!“ – Darüber sollten wir hinweg sein

Zugegeben, es war nicht die cleverste Botschaft, die ich je auf einem Transparent gelesen habe, als auf der „Oxi“-Demo in Berlin am vergangenen Freitag ein 22 Meter langes Transparent mit der Aufschrift „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ entrollt wurde. Inhaltliche Kritik wäre angebrachter gewesen – und dennoch frage ich mich: Warum musste die Polizei eingreifen, das Transparent konfiszieren? Weiterlesen