Mein Besuch im fedidwgugl-Haus

Es ist Wahlkampf in Deutschland und die CDU hat sich offensichtlich richtig etwas einfallen lassen, um die Wähler zu überzeugen. In der Berliner Brunnenstraße wurde das fedidwgugl-Haus eingerichtet. Das an das trumpsche covfefe erninnernde „fedidwgugl“ steht für den Wahlslogan der Konservativen „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die Idee, ein begehbares Wahlprogramm aufzubauen, erschien mir brilliant. Ein Wahlprogramm zum Anfassen, hatte ich mir vorgestellt. Ein Wahlprogramm, dass die Menschen auf ihrem Sonntagsausflug abholt und sich über Mundpropaganda und Social Media-Kanäle verbreitet. Und so schien es auch zu werden. Gleich am Eingang stand ein Schild, das ganz berlinuntypisch das Fotografieren und Posten ausdrücklich erlaubte. Doch nach der Taschenkontrolle erfolgte recht schnell die Ernüchterung. Das fedidwgugl-Haus ist eine seltsame Mischung aus Wohlfühl-Ausstellung und Panikmache.

Als ich den Raum betrat, fiel mir sofort ein riesiges Plüschherz ins Auge. Aus relativ basslastigen Boxen drang immer wieder der Ton eines Herzschlags. Ein paar überlebensgroße Adern führten zu zwei LED-Wänden auf denen Dinge aufgeführt sind, die zeigen, dass das Leben in Deutschland zumindest statistisch besser ist, als vor 12 Jahren. Also bevor Angela Merkel Kanzlerin wurde. Allein, die LED-Wände bleiben den Beweis schuldig, dass die Politik der Union daran einen Anteil hat. Besser noch: Die Wand versucht überhaupt nicht, den Beweis anzutreten. Bei einigen Beispielen, wie der Anzahl der Frauen in Aufsichtsräten wäre es wohl auch schwer, glaubhaft zu machen, die CDU sei dafür verantwortlich. Um die eigene Klientel nicht zu verschrecken, ist diese Statistik auch sicherheitshalber in die linke untere Ecke, direkt vor der Treppe verbannt.

Ich ging die Treppe nach oben, es roch stark nach einem Wasserschaden. Die Wände waren kahl, aber das war wohl gewollt. Hipper Berlin-Charme eben (#JensSpahngefälltdasnicht). In einer Ecke liefen CDU-Wahlwebespots in Dauerschleife. Dazu, erneut hip, eine bunte Mischung von Stühlen, die tatsächlich zum Verweilen anregen sollten. Doch war erstens, niemand zum Verweilen da, und zweitens roch es eben stark nach Wasserschaden.

Also stieg ich die Treppe wieder herunter. Hier war es auch deutlich voller. Neben einer offenbar rein zur Unterhaltung aufgestellten Leinwand, auf die das Livebild vor der Leinwand projiziert wurde, und den Menschen, die sich direkt davor stellten, einen passenden Emojie aufs Gesicht zauberte – ja, es klappte wirklich – wurden vier Themenkomplexe vorgestellt. Sicherheit, Europa, Familie, Industrie.

Der Bereich Familie war ziemlich nett aufgebaut. Der Bereich war komplett aus (Umzugs-)Kartons aufgebaut, Stichwort Familienpackung. Es geht um freie Zeitgestaltung und ein Baukindergeld. Letzteres ist zumindest streitbar, genauso viele andere Programmpunkte, der Union, die Kinderlose Menschen diskriminieren, wie zum Beispiel die „Vorfahrt für Familien und Kinder in Behörden und Einrichtungen, beispielsweise an Flughäfen, Fahrkartenschaltern und Museen“.

Beim Bereich Industrie hakte es. Hier sollte ein Roboter Botschaften, die auf ein Tablet geschrieben wurden erst auf ein Papier schreiben, das Blatt dann umdrehen, mit Flüssigkleber versehen und dann an die Scheibe drücken. Doch ein Mitarbeiter musste immer wieder eingreifen. „Das Papier ist Luftdurchlässig, daher muss ich das manuell wenden“, erklärte er einem Kind, das fragte, warum er denn der Maschine helfen musste. Vielleicht ja ein Zeichen an Arbeiter: „Man wird Euch auch noch brauchen, wenn Maschinen Eure Arbeit ersetzen.“

Der Bereich Sicherheit war sehr interaktiv gestaltet, was einer mir nicht bekannten „Influencerin“, die lautstark in ihr Handy brabbelte, offensichtlich gut zu gefallen schien. In einem Computerspiel musste man mit gemalten Linien auf einem Touchscreen „Cyberattacken“ abwehren, Industriespionage erkennen, etc.. Insgesamt wurde der Teufel an die Wand gemalt. Im Handout zu diesem Themenkomplex „Cyber Hero“ wurde in teilweise unzusammenhängendem Deutsch für Schleierfahndung, Kameraüberwachung und relativ abstrakt für mehr Sicherheit „im Alltag und vor Ort“ geworben.

Ich hatte genug gesehen und ging zum Themenkomplex „Youropa“. Der war so abgelegen, dass es beinahe schon entlarvend für das Europa-Bild der Union war, die in ihrem Handout schreibt: „Falls erforderlich, werden wir die nationalen Grenzkontrollen zeitlich befristet fortsetzen und – falls nötig – ausweiten.“ Gleichzeitig steht dort etwas von „wir wollen den Erfolg aller“ aber die Vergemeinschaftung von Schulden wird abgelehnt. Auch hier also nichts Neues. Am Ende des Ganges gelangt man in einen planetariumähnlichen Raum. Sehr schön aufgemacht. Hier können Besucher auf einem Touchscreen ihren Namen eintragen und aus einer Liste auswählen, was Europa für sie bedeutet. „Grenzenlose Solidarität“ oder „offene Grenzen“ sind erwartungsgemäß nicht dabei.

Dann war mein Rundgang vorbei. Mehr als die gute Idee hinter diesem Programm ist nicht geblieben. Es fehlt ein klares Bekenntnis zu Europa. Die Familie wird hofiert, was zumindest streitbar, aber immerhin mal ein klares Bekenntnis ist. Sozialpolitisch wird der Status-quo beschworen und sicherheitspolitisch wird Angst geschürt.

Am Ende blieb nur die Idee des Wahlkampfhauses, eine gute Idee, die teilweise sogar gut umgesetzt wurde, über ein enttäuschendes „Weiter so“ als Sozialpolitik-Programm nicht hinwegtäuschen kann. Hingegen versucht das Wahlkampfteam der Union mit Touchscreen-Spielen und Angstmacherei, eine krasse Verschärfung der Sicherheitspolitik bekömmlich darzustellen. Und Europa ist weiter nichts als ein Wurmfortsatz in der Welt der CDU. Jede noch so schöne Verpackung wirkt eben doch trist, wenn der Inhalt fehlt.

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