Werte G20-Gegner: Ich verstehe Eure Wut, aber…

Der G20-Gipfel ist für mich ein komplett unnötiges Forum, dass dieser im Herzen einer Großstadt stattfinden musste, macht die Sache nur noch unnötiger. Die anwesenden 35 Delegationen werden am Ende nichts beschließen, sich wohl maximal auf den Minimalkonsens des Status-quo einigen und sich von einem 2-Sterne-Koch verköstigen lassen. Viel Aufwand, wenig Ertrag. Also ist es legitim, dagegen auf die Straße zu gehen – und ich bin stolz auf die Menschen, die es getan haben.

12.000 Menschen gingen am Donnerstagabend bei der „Welcome to Hell“-Demo in Hamburg auf die Straße. Einige teilvermummt. Und obwohl es Berichte gibt, dass diese Teilvermummung mit Kapuze und Sonnenbrille sogar mit der Polizei abgesprochen und selbst diese nach ersten Aufforderungen durch Ordnungskräfte und den Veranstalter von einer Mehrzahl abgelegt worden war, ging die Polizei rigoros gegen die Versammlung vor. Nach wenigen gelaufenen Metern wurde der angemeldete und zugelassene Demonstrationszug gestoppt und mit Knüppeln und Wasserwerfern auseinandergetrieben.

Liebe Demonstranten, ich verstehe Eure Wut. Eure Wut über die Sinnlosigkeit des G20-Gipfels, Eure Wut darüber, dass Despoten aus aller Welt in Hamburg hofiert werden, Eure Wut darüber, dass der legitime Protest durch die Polizei niedergeknüppelt und Euer demokratisches Recht mit Füßen getreten wurde. Für all das habe ich Verständnis. Gerade, weil es unter Einsatzleiter Hartmut Dudde, der durchaus das Zeug hat, für Recep Tayyip Erdogan zu arbeiten, leider so zu erwarten war. Wie Ihr das aber kanalisiert habt, möchte einfach nicht in meinen Kopf hinein.

Was wolltet Ihr damit erreichen, wahllos Autos anzuzünden? Was haben die Geschäfte im Schanzenviertel mit Ungerechtigkeiten auf der Welt oder mit dem deutlich überzogenen Polizeieinsatz vom Donnerstagabend zu tun?

Nichts. Einfach gar nichts. Einige von Euch sind möglicherweise schon mit dem Ziel angereist, in Hamburg zu randalieren, andere kanalisieren Ihre Wut wahrscheinlich einfach nur schlecht. Eines haben diese Motive gemein: Sie sind dumm. Dumm und nicht zielführend.

Viele von Euch haben berechtigte Anliegen. Sei es die Ausbeutung Afrikas oder die Förderung von Konflikten auf diesem Kontinent durch Waffenlieferung. Sei es, dass sich die größten Wirtschaftsnationen der Welt ein pompöses Treffen gönnen, nur um zu beraten, wie sie ihren Reichtum möglichst nicht teilen müssen, oder sei es die Brandmarkung der Polizeigewalt vom Donnerstagabend. Doch für diese Anliegen interessiert sich kaum einer mehr. Zu schwer wiegt die Zerstörungswut einiger von Euch. Und das kann ich verstehen.

Wie Sebastian Weiermann auf Ruhrbarone schon schrieb, Ihr wart der moralische Sieger und dann habt Ihr alles kaputt gemacht. Erst die Stadt und dann Eure Position.

Ich ärgere mich über Euch. Ich ärgere mich über Eure Gewalt und ich ärgere mich über Eure fehlende Weitsicht. Rebellion gegen Ungerechtigkeit ist gut und wichtig, aber sie muss zielführend sein. Man darf sich nicht in der Rolle des Outlaws gefallen, denn so rücken die eigentlichen Ziele in den Hintergrund. Und dafür kämpft Ihr doch, oder?

Ihr steht doch dafür ein, dass die Welt eine bessere wird. Ihr wollt sie nach Euren Leitlinien verändern, nicht wahr? Ich will es zumindest hoffen. Aber eines kann ich Euch sagen. Es wird nicht funktionieren, wenn Ihr geistige Verbündete durch blinde Zerstörungswut gegen Euch aufbringt. Nur, wer viele Menschen für seine Idee begeistert, kann in der Gemeinschaft etwas erreichen. Dass Ihr das aber dadurch schafft, dass ganz Hamburg nach verkohlten Autositzen riecht, halte ich für ausgeschlossen. Und das ist auch gut so.

Mit Militanz, davon bin ich seit jeher überzeugt, werdet Ihr nichts erreichen. Es gibt genügend andere Möglichkeit. Die friedliche Demonstration, die Ihr versucht habt, ehe Duddes Knüppelgarde sie beendete, ist ein Weg. Ein anderer war die Blockade von Verkehrsknotenpunkten. Auch das habt Ihr getan. Erfolgreich habt Ihr Euch Wasserwerfern in den Weg gesetzt und den Ablauf des G20-Gipfels gestört. Das war gut. Und wenn das alles noch nicht reicht, bleibt immer noch der Weg über die Parlamente.

Natürlich gestehe ich Euch gerade in dieser Zeit des grassierenden Rechtsextremismus, bei aller Ablehnung von Militanz, einen gewissen Grad an Militarisierung zu. Kommt es zu einem Angriff oder einem nicht mehr auszuschließenden gesellschaftlichen Umsturz von Seiten der Neonazis, müsst Ihr Euch verteidigen können. Aber genau da liegt der feine Unterschied. Ihr habt das Recht, Euch zu verteidigen, aber nicht zum Angriff. In Hamburg habt Ihr Euch nicht verteidigt. Ihr habt gewütet. Nach dem Ende der „Welcome to Hell“-Demo wart Ihr die Aggressoren. Ihr habt Autos unbeteiligter angezündet, Ihr habt Geschäfte geplündert, Ihr habt ein Polizeirevier angegriffen. Ob aus Vorsatz, aus Wut, oder weil Ihr zur falschen Zeit am falschen Ort war, interessiert hier nicht. Ihr habt Euch daneben benommen. Gründlich. Ihr habt Straftaten begangen.

So erreicht Ihr kein noch so vertretbares Ziel. So bringt Ihr Euch dahin, wo Straftäter hingehören: an den Rand der Gesellschaft. Und nehmt tausende friedliche Demonstranten gleich mit. Nicht weil sie Euch folgen. Das tun sie nämlich nicht, sondern, weil sie von Konservativen und einigen aus der Mitte der Gesellschaft dorthingestellt werden. Natürlich ist es nicht Eure Schuld, dass viele den Fehler machen, und Euren Zerstörungswahn mit der „Welcome to Hell“-Demo in Verbindung setzen. Und doch: Ihr tut es auch. Ihr rechtfertigt Eure Randale mit der Polizeigewalt. Doch dazwischen gibt es keine logische Kausalitätskette. Eure Wut müsst Ihr anders kanalisieren und nicht an Dritten auslassen.

Letztendlich habt Ihr dreifach verloren. Ihr konntet Eure Ziele nicht formulieren, Ihr habt viel Zuspruch in der bürgerlichen Linken verloren und für das nächste Großereignis wird die Polizei jegliches Mittel bewilligt bekommen, das sie beantragt. Friedliche Demonstranten werden unter unendlichen Auflagen leiden. Anwohner werden noch stärker kontrolliert. Von Zeltlagern werden Ihr Euch auch verabschieden können.

Ihr habt mit Eurer wahllosen Gewalt die Menschen verloren, ihr habt die Möglichkeit verloren, die Stimmung im Land zu beeinflussen und Erdogan schnabuliert trotzdem mit Vladimir Putin seinen Wels mit Kaviar. Donald Trump wird sich trotz brennender Kleinwagen die Serviette im Hemdkragen mit Weißwein vollkleckern, während in Afrika Millionen Menschen unter Armut leiden.

Und jetzt frage ich Euch: War es das wirklich wert?

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