Die Torte für Sahra Wagenknecht

Zu allererst, bevor noch Missverständnisse aufkommen. Ich lehne jegliche Gewalt, auch die durch Torten, als Mittel des politischen Diskurses ab. In einer zivilisierten Welt sollten Konflikte mir Worten, nicht mir Torten ausgetragen werden. Daher hat jedes einzelne Opfer dieser sinnlosen, ja dummen und destruktiven „Protestaktionen“ mein Mitgefühl.

Und dennoch: Die Torte für Sahra Wagenknecht holt die AfD aus der Opferrolle, in die sie sich als Teil ihrer Wähler-Akquise immer wieder begibt. Dieser – ich wiederhole mich – verabscheuungswürdige Angriff auf Beatrix von Storch im Februar galt eben nicht der Person oder ihrer Partei. Er galt den fremdenfeindlichen Aussagen, den menschenfeindlichen Parolen, der rassistischen Linie, die von Storch und ihre Partei ausmachen. Das zeigt die Torte für Linke-Politikerin Wagenknecht. Sie wurde ihr für ihre harte Linie in der Flüchtlingspolitik zuteil. Erst vor den Landtagswahlen im März schwadronierte sie von „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“.

Torten verteilt diese „Aktionsgruppe“ also nicht pauschal, sie verteilt sie für Rassismus. Niemand keilt gegen die AfD, weil es eine neue Partei ist. Grundsätzlich hat niemand etwas gegen eine neue Partei. Neue Parteien können durchaus frischen Wind in das Gefüge bringen. Niemand keilt gegen Beatrix von Storch, weil sie möglicherweise keine nette Person sein könnte. Es geht einzig und allein um die politische Ausrichtung. Dagegen richten sich die Demonstrationen, die Warnungen, die Essays.

Auch ich finde es nicht grundsätzlich dramatisch, wenn sich eine neue Partei gründet. Auch ich habe nichts dagegen, wenn sich eine Frau von Adel in der Politik von heute versuchen möchte. Aber ich habe etwas gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Ich habe etwas dagegen, dass Menschen, die durch Zufall in Land A geboren sind, als etwas besseres angesehen werden oder besser behandelt werden sollen, als Menschen, die in Land B geboren sind. Ich habe etwas dagegen, dass eine gesamte Glaubensgemeinschaft (schon wieder) unter Generalverdacht gestellt wird. Ich habe etwas dagegen, dass es ein politisches Konzept ist, geistig und materiell arme Menschen, mit Halb- und Unwahrheiten zu manipulieren, damit man an Macht gelangt. Ich habe etwas dagegen, in Eigenbrötlerei zu versinken, wenn es mit einem offenen einigen Europa etwas schönes, etwas großes gibt, für das es sich zu kämpfen und Nationalstaaten aufzulösen lohnt. Ich habe etwas dagegen, Menschen vorzuschreiben, wen sie heiraten dürfen.

Ja, ich habe etwas gegen die politische Ausrichtung der AfD, aber mir dreht es ebenso bei vielen Aussgagen von Sahra Wagenknecht den Magen um. Es geht nicht um Personen oder Parteien. Es geht um Positionen und die darf man angreifen – aber eben nicht mit Torten.

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